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Wien / Aussig a. d. Elbe / Ústí nad Labem, am 1. Juni 2010

Gedenkansprache auf der Aussiger Brücke am 26.5.2010

Utl.: Arbeitskreis ehemaliger Sudetendeutscher Sozialdemokraten gedachte Willi Wankas

 

Im 65. Jahr nach dem Pogrom sprach Gerolf Fritsche, Offenbach auf der Aussiger Brücke die folgenden Worte des Gedenkens:

 

Sehr geehrter Herr Dr. Püschel,

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Liebe Freunde Willi Wankas, die sich hier in seinem Geist versammelt haben, 

gestatten Sie, dass ich als Schönpriesener einige Worte zu dieser denkwürdigen Stunde am historischen Ort sage.

Wir sind versammelt, um der Opfer zu gedenken, die hier der Gewalt der Mörder erlegen sind.

Wir gedenken derer,

 ·         die durch die Aussiger Straßen gehetzt wurden und ihren

 Verfolgern nicht entkommen konnten.·         die ertränkt wurden,

·         die am Marktplatz getötet wurden,

·         die vor dem Bahnhof erschlagen und erschossen wurden,
·         die auf die Brücke getrieben und hier erschlagen und

 erschossen wurden,

·         die in die Elbe geworfen und erschossen wurden,

·         die bei der fahrlässig oder absichtlich herbeigeführten

 Explosion, die die Gewalt entfachte und anheizte, zu

 Tode gekommen sind,

·         deren sterbliche Überreste in dieser Stadt in

 irgendwelchen Schachteln lagerten und geben der

 Hoffnung Ausdruck, dass sie bald ihren erkennbaren

 Ruheort finden mögen.

·        die die Gewalt dieses Tages erlebt haben und dadurch –

 obwohl unschuldig – in den Selbstmord getrieben

 wurden.

·         die die Gewalt erlebten, überlebten, aber das Trauma

 dieses Tages bis an ihr Ende herumtragen mussten oder

 noch müssen.

·         die in dieser Stadt, als es nach der Tat ans Aufräumen

 ging, noch zu Tode gekommen sind.

 

Meine Damen und Herren im Augenblick dieser Trauer,

 

schauen wir uns um, sehen wir uns in einem beträchtlichem Häuflein hier an dieser Stelle. Das ist doch erfreulich, wenn man bedenkt, dass jahrzehntelang hier nur einzelne scheu und in ihrer Trauer unerkannt stehen durften. Dass wir uns heute versammeln können, ohne verächtlich gemacht und angegriffen zu werden, danken wir sicher vor allem auch jenen, die heute in der Stadt Verantwortung tragen und die sich leicht benennen lassen.

Dass wenigstens diese kryptische Tafel angebracht werden konnte, danken wir aber außerdem zahlreichen Namenlosen, die in diesem Zusammenhang wahrscheinlich nie mehr genannt werden. Gerade deshalb möchte ich bei dieser Gelegenheit einige von Ihnen noch einmal aus dieser Anonymität herausholen und vor ihnen bezeugen, weil ich Kenntnis davon habe. Ich berichte von einer 10. Klasse der Wilhelm-von-Oranien-Schule aus Dillenburg in Hessen. Damals vor 19 Jahren waren sie – wie fast alle Welt - neugierig auf die Tschechoslowakei und weil sie außerdem einen kundigen Fachlehrer Eckhard Scheld hatten, fanden sie Kontakt mit einer Schulklasse am Gymnazium Stavbařů im hiesigen Aussig. Sie machten eine Begegnungsreise hierher und hatten einige unerwartet interessante Tage mit ihren tschechischen Freunden. Nicht wenig erstaunt waren die deutschen Schüler, als sie mit ihren tschechischen Mitschülern und Freunden über das Geschehen auf der Brücke sprechen wollten. Die tschechischen Freunde wussten fast nichts darüber. Das tat der Freundschaft der jungen Leute kaum Abbruch, ließ die deutschen Schüler aber zur Tat schreiten. Sie schrieben an den tschechischen Botschafter in Bonn und an den Národní Výbor der Stadt Ústí nad Labem in der Person des Primators. Dort mag der Sekretär entschieden haben, dass der Brief nicht beantwortet wurde. Die Zeit war noch nicht reif zu mehr Reflektion. Aber Jiří Gruša, der Botschafter in Bonn, war von anderem Korn. Er gehörte zur aufgeschlosseneren tschechischen Elite, war aufgeschlossen genug, die Idee gut zu finden und die Schüler in ihrem Anliegen zu bestärken. In die Hoheit der Stadt konnte er zwar nicht eingreifen. Aber die Aktion wurde jedenfalls zu einem kleinen Anstoß, der die Bewegung zu einem Strom anschwellen ließ, der schließlich allen Hindernissen zum Trotz zu dieser ersten Gedenktafel an das Pogrom auf der Brücke führte. Sie können sich sicher vorstellen, dass zumindest die jungen Leute Genugtuung fühlten, die von der Anbringung der Tafel im Jahre 2005 hörten. Sie haben gemerkt, wie sich die Wahrheit doch eine Gasse bahnt. Die kann bei aufgeschlossenen Jugendlichen in guter Hut sein, auch die, derer gedacht wird, können es.

Wer der Wahrheit zum Sieg verhelfen will, darf sie sich jedoch nicht selbst überlassen, muss vielmehr für diese Wahrheit selbst etwas tun. Die größte Hilfe ist, sie zu verkünden, wo sich die Gelegenheit dazu bietet. Mit diesem Gedanken ende ich deshalb meine Worte: Verkünden Sie, wo Sie können, was vor 65 Jahren auf der Brücke geschah und wie wir heute der Opfer in würdiger Form gedacht haben, dann genügen Sie in hohem Maße dem Andenken derer, die hier unschuldig gestorben sind.

 

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