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Das Böhmische Mittelgebirge, Sehenswürdigkeiten und Geologie

von Dr. Dieter Seehars, Radegang 2, 21244 Buchholz i. d. N.

Das böhmische Mittelgebirge in der nordwestlichen ČR  bildet ein leicht deformiertes, von SW nach NO gerichtetes Rechteck der Fläche 1266 km2, das im Osten begrenzt wird durch Česka Lípa, im S durch Leitmeritz / Terežin, im SW durch Postelberg / Louny, im Westen durch Most und im N durch eine Linie Teplice-Benešov. Es wird zweigeteilt durch die Elbe, deren Durchbruch ins Gebirge an der Talenge Porta Bohemica (Böhmische Pforte) genannt wird. Die Böhmische Pforte hat eine Länge von ca. 1 km, die verengte Elbe weist hier an ihren Flanken ca. 100 m hohe, steile Felswände auf, am Beginn des Durchbruchs befindet sich rechtselbisch nördlich von Velké Žernosek (Groß-Tschernosek) die Kalvarie (Dreikreuzberg) mit 3 weithin sichtbaren Kreuzen am Gipfel. Im Norden und Nordwesten schließt sich das nordböhmische Becken mit dem Bilinatal (Biela), das von NE nach SW streichende Erzgebirge und im NE das böhmische Elbsandsteingebirge mit dem Hohen Schneeberg, im Osten das Lausitzer Gebirge, und im Süden die Egerniederung an.

Wie entstand das Mittelgebirge? Durch Kollision der eurasischen und afrikanischen Platte (Theorie der Plattentektonik) wurden während des Tertiärs nicht nur die Alpen aufgefaltet, sondern es bildeten sich vor ca. 65 Millionen Jahren auch Vulkane in einer 700 km langen Zone quer durch Deutschland von der Hocheifel bis zu den Sudeten (böhmisches Mittelgebirge und sogar Elbsandsteingebirge und das Lausitzer Gebirge). Unter den tertiären Schichten des Mittelgebirges befindet sich eine kristalline Basis aus Ortho- und Paragneisen.  

24 kegelförmige Erhebungen, der Höhe nach beginnend von der Milešovka (Milleschauer, 837 m) und dem Hradišt’any (Radelstein, 752 m) bis hinunter zur Hazmburk (Hasenburg, 418 m) und Kozi vrch (Ziegenberg, 380 m) sind nur die spektakulärsten „Überbleibsel“ vulkanischer Tätigkeit, denn auch im Bereich zwischen 10 bis 380 m über NN beobachtet man zahlreiche Erhebungen. König des böhmischen Mittelgebirges ist die milešovka (Královna Česhého středohři) ein spitz (30°) zugehender Vulkankegel von außerordentlicher Schönheit. Schon der Naturforscher und weitgereiste A. von Humboldt hat ihn zusammen mit dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. bestiegen und danach geschrieben, dass der Ausblick vom Gipfel der drittschönste weltweit sei. In der Tat erkennt man bei guter Sicht das Riesengebirge, den Aussichtsturm auf dem Petřin und die Türme der St. Veitskathedrale in Prag. Der Milleschauer besteht aus sodalithischem (Natrium!) Trachyt, einem mit dem Phonolith (Klingstein) verwandten Gestein. Nicht zu vergessen der nordöstlich gelegene Phonolithkegel Kletečna (kleiner Milleschauer, 710 m), zusammen mit dem Milleschauer ein Wahrzeichen des Mittelgebirges, beide Gipfel bieten sich besonders eindrucksvoll von der Südseite des Teplitzer Schlossbergs dar.

An dieser Stelle möchte ich die wichtigsten Sehenswürdigkeiten des Mittelgebirges beschreiben. Im Süden unweit Roudnice n.L. erhebt sich aus der Ebene zwischen Elbe und Moldau der kuppenartige Berg Řip (Georgsberg, 456 m), eine national-tschechische Gedenkstätte mit romanischer Kapelle am Gipfel. Es geht die Sage, dass der Urvater der Tschechen, Čech, mit seiner Sippe nach Westen ziehend und von der Gegend der Hohen Tatra kommend, den Gipfel bestiegen hat. Oben angekommen, sei er von der Aussicht so begeistert gewesen, dass er gesagt haben soll: ‚Hier ist das Paradies, hier bleiben wir‘. Der Řip besteht aus Nephelinit, einem vulkanisch- basaltischen, sehr feinkörnigen Gestein. 

Westlich von Lobositz a. d. E. erhebt sich der markante Doppelgipfel des Lovoš (Lobosch, 570 m) und des Kibička (Kibitschken, 489 m). Der Lovoš besteht aus Basaltgestein, der benachbarte Kibička aus grünlich-grauem Phonolith (Klingstein). Der Name stammt vom entstehenden Klang beim Anschlagen des Gesteins mit einem harten Gegenstand.   

Südöstlich von Bilina erhebt sich der zweithöchste Berg des Mittelgebirges, der breite Bergrücken des Hradišt‘any (Radelstein, 752 m) mit Resten einer bronzezeitlichen Burgstätte. Besonderheit ist die Radelsteinwiese mit seltener Bergwiesenflora, umgeben von einem ca. 2 m hohen Ring aus Basaltgestein. Der ebene Bergrücken im Gipfelbereich  besteht aus grünlichem Olivinbasalt, die weitere Umgebung aus Phonolith. Zum Radelsteinmassiv gehört der über den Ziegenrücken verbundene Nebengipfel des Ostrý - deutsch. Spitzer Winkel - (718 m).

Vom Milleschauer hat man einen schönen Blick auf den Košt’ial und Hazmburk (Hasenburg), beide vulkanische Bergkegel, aber nicht so symmetrisch wie der Milleschauer. Der Košt’ial ist ein 481 m hoher Berg nördlich von Třebenice (Museum der böhmischen Granate). Sein Gestein besteht aus subvulkanischen Brekzien. Brekzien entstehen aus zertrümmertem vulkanischem Ausgangsmaterial grober und kantiger Konsistenz zum Beispiel bei Bergstürzen und Hangrutschungen. Auf dem Gipfel befindet sich die Burg Košt’ialov, 1372 zum ersten Mal erwähnt. Jetzt ist nur noch eine Ruine mit Resten eines stattlichen Wehrturms erhalten. Eine weiter unten am Hang liegende zweite Burg ist weitgehend zerfallen. Der Basaltkegel Hazmburk (Hasenburg, 418 m) ist ein weithin sichtbarer, sich aus der Egerniederung erhebender Berg ca. 6 km südöstlich von Třebenice und 10 km südlich von Lovosice und ein Wahrzeichen des Mittelgebirges. Im 14. Jahrhundert besaß der damalige Eigentümer der Burg entsprechend seinem Namen einen Hasen in seinem Familienwappen, daher der heutige Name. Er erbaute zur bestehenden Burganlage die zwei markanten Türme, einen oben am Gipfel, einen zweiten weiter unten am Hang. Nach den Hussitenkriegen verfiel die Burg.

Eine Besonderheit ist der an sich unspektakuläre Phonolithberg Boreč (449 m) ca. 3 km südwestlich des Lovoš,, heute unter Naturschutz stehend. Der gesamte Berg ist mit vulkanischen Klüften und Rissen durchdrungen. Diese Rissbildungen münden einmal am Bergfuß, zum anderen am Gipfel. Es kommt zu Exhalationen (Ventarolen), d. h., dem Austritt warmer und feuchter Luft  im Winter, die Temperatur in den Fugen im Berginneren beträgt nie weniger als 9 – 10 °C bei hoher Luftfeuchte. So kommt es zu Temperaturunterschieden an den Austrittsöffnungen von maximal 16 – 20 °C, die feuchte und warme Luft lässt an den Öffnungen den Schnee auch bei Außentemperaturen bis - 18 °C schmelzen und bildet an den in der Umgebung stehenden Bäumen und Sträuchern bizarre  Raureifbeläge. 

Wer würde schon die beiden Naturphänomene Schreckenstein und Workotsch nahe der Industriestadt Ůstí nad Labem (Aussig) bei dieser Aufzählung vergessen wollen? Steil über dem Fluss thront auf einem Klingstein-Monolithen in 100 m über der Wasseroberfläche die Burgruine Hrad Střekov (Schreckenstein). Die romantische Lage der Burg relativiert sich durch den Bau der Staustufe und der Doppelschleuse Mitte der 20-er bis 30-er Jahre des vorigen Jahrhunderts als Zugeständnis an die Technik. Erwähnt wird die Burg erstmals 1319. Die wunderschöne Lage inspirierten Maler wie L. Richter und C. D. Friedrich zu ihren Gemälden. R. Wagner (Inspirationen zu Tannhäuser) und A. v. Humboldt waren ebenfalls zu Besuch. Der unter Denkmalschutz stehende Schreckenstein ist eines der bekanntesten Wahrzeichen von Nordböhmen. Linkselbisch etwas schräg gegenüber dem Schreckenstein erhebt sich der Basaltfelsen Vrkoč (Workotsch). Der spitz zugehende Felsmonolith unweit Wannow (Vaňov) besteht aus riesigen Fächern von 6-kantigern langen Säulen aus Olivinbasalt wegen der grünlichen Farbe des Gesteins. Vrkoč heißt auf Deutsch Zopf und weist auf die von der Elbseite erkennbaren Zopfgeflechten ähnlichen Strukturen der Basaltsäulen hin. In der Nähe findet man den Wannower Wasserfall, der Padloschiner Bach stürzt hier über eine Basaltschicht 12 m in die Tiefe, der Wasserfall ist damit der höchste im Mittelgebirge.  

Der Růžovský vrch (Rosenberg, 619 m) gehört eigentlich nicht mehr zum Mittelgebirge, sondern zur böhmischen Schweiz, weist aber doch einige geologische Ähnlichkeiten mit dieser Region auf. Der obere Teil des Bergkegels besteht aus Basalt, während in Fußnähe Sandsteinschichten lagern. Am Gipfel befinden sich unter alten Buchen ein Gipfelkreuz und ein Basaltaufschluss. Die Flanken des Berges sind mit Laubwald, vor allem alten Buchen und Ahornen bedeckt, die für mineralreiche basaltische Verwitterungsböden typisch sind. Auf den unfruchtbaren Sandsteinschichten hingegen sind  Fichtenbestände anzutreffen.

Der Bořeň (Biliner Borschen, 539 m) ist eine weitere sehenswerte Attraktion des Mittelgebirges, er stellt den Rest eines vulkanischen Schlotes dar, der hier den Gneis durchbricht. Der vor Ort weilende Goethe hat ihn zwar nie bestiegen, aber auf einer Zeichnung festgehalten. Der obere waldfreie, alpin wirkende Berg hat 100 m hohe stark gegliederte Felswände und besteht aus Phonolith. Er ist der größte Klingsteinmonolith Mitteleuropas und sieht vom Bilinatal aus wie ein liegender Löwe.  Die Aussicht vom Gipfel ist atemberaubend, hohes Erzgebirge, Duppauer Gebirge in der Ferne, Most mit Schlossberg, Spitzberg und Breitenberg, direkt vor uns die unsymmetrischen Sellnitzer und Schladniger Basaltkegel, unter uns das nordböhmische Becken zwischen Erzgebirge und Mittelgebirge, eine Industrielandschaft, deren ökologische Folgen die Tschechen durch Renaturierung der Braunkohleabbaugebiete zu beseitigen versuchen.

Als Folge des Vulkanismus entstanden zahlreiche Mineralquellen wie das Teplitzer Thermalwasser (42 °C!) und der Säuerling bei Bílina (11 °C). Jedem Aussiger auch bekannt ist das Thermalbad von Brna (Birnai), das mit Wasser von 31 °C aus einem 327 m tiefen artesischen Brunnen gespeist wird. 

Desaströs ist der Bau der Autobahn D8, Dresden-Prag, mitten durch das Mittelgebirge, nicht nur durch den Raubbau an der Natur, sondern auch hinsichtlich der Folgeschäden durch Abgas- und Geräuschemissionen des zu erwartenden starken Verkehrs.

Dr. Dieter Seehars, Radegang 2, 21244 Buchholz i. d. N.


Der Verfasser hat als Quellen oft die ausgezeichneten Hinweistafeln mit vielen grafischen Darstellungen - in der Regel auf Tschechisch, ab und zu auch in Kurzform auf Deutsch, erstaunlicherweise entlang dem Anstieg auf den kaum besuchten Rosenberg auch ausführlich in Deutsch - mit Beschreibungen zu diesem Themenbereich benutzt. Daneben wurden auch einige Hinweise bei Wikipedia und aus Büchern berücksichtigt, die dem mit 4 Semestern Geologie, Mineralogie und Petrografie im Nebenfach „vorgeschädigten“ Autor sehr hilfreich waren.