Das Aussiger Gymnasium
Von Dr. F. J. Umlauft, Bayreuth
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Gymnasium Aussig, Foto K.H. Kralowetz, 29.07.1999

Aussig war nicht nur eine Industriestadt, ein Mittelpunkt des Handels und Verkehrs im nördlichen Böhmen,
sondern auch eine Schulstadt mit einem reichen kulturellen Leben.
Wie sich dieses entwickelt hat, soll noch in dieser ausführlichen Geschichte der Stadt dargelegt werden.

Im Jahre 1880, als Aussig bereits 16.524 Einwohner zählte, gab es in der Stadt außer der Volks- und Bürgerschule noch keine höhere Lehranstalt. Wohl regte im Jahre 1883 der Zivilingenieur Adolf Kögler, der spätere Bürgermeister, in einer Sitzung des Gemeindeausschusses die Gründung einer Unterrealschule an, während der Rechtsanwalt Dr. Theumer sich für ein Untergymnasium aussprach. Es blieb aber zunächst bei der Anregung. 1886 wurde vom Kaufmännischen Verein die 2-klassige „Höhere Handelslehranstalt` ins Leben gerufen, die 1889 3-klassig und 1900 4-klassig wurde und den Titel „Handelsakademie" erhielt.

Die Gründung einer höheren Schule und zwar eines Gymnasiums kam erst 1891 wieder zur Sprache. Am 05. Juni 1893 bewilligte die österreichische Unterrichtsverwaltung die Errichtung eines Untergymnasiums mit obligatem Zeichen- und Turnunterricht Gleichzeitig wurde der „k. k. wirkliche Gymnasiallehrer" Dr. Gustav Herfiel in Brüx und der supplierende Gymnasiallehrer Dr. Georg Bruder in Saaz zum wirklichen Lehrer am „Kommunaluntergymnasium In Aussig" bestellt Zu diesen beiden Lehrern traten noch P. Alfons Walter für die katholische, Albert Gummi für die evangelische und Salomon Baß für die mosaische Religion und der Musiklehrer Ignaz Schlosser für Gesang. Diese Herren bildeten also den Lehrkörper für die erste Klasse, die 1893 im zweiten Stock des alten Schulhauses in der Salzgasse untergebracht wurde, wo das Kommunal-Untergymnasium" bis zum Jahre 1898 verblieb, als es bereits fünf Klassen zählte. Damals wurde die Frage eines Neubaus für das Gymnasium erörtert, doch entschloss sich die Stadtverwaltung, die im Jahre 1892 neu erbaute Mädchen-Volks- und Bürgerschule am Eck der Großen Walstraße und Hasnerstraße dem Gymnasium zur Verfügung zu stellen. Im Jahre 1900 wurde auf den schon bestehenden Turnsaal noch ein Festsaal aufgebaut und ein Anbau am Flügel in der Hasnerstraße im Jahre 1909 bot auch der „Höheren Töchterschule", die 1895 von Direktor Herfiel gegründet, aus der Schule in der Salzgasse mit übersiedelt war, weitere Unterrichtsräume. Zur Zeit als die Anstalt in das neue Haus übersiedelte, hatte Direktor Herfiel beantragt, parallele Realschulklassen zu errichten, doch ging der Stadtrat noch nicht darauf ein. Zur Gründung einer Realschule sollte es erst im Jahre 1909 kommen.

Seit 22. November 1900 führte die Anstalt den Namen „Kaiser-Franz-Josef-Kommunal-Gymnasium". Mit 1. September 1902 wurde die Anstalt in die Staatsverwaltung übernommen und führte bis zum Zusammenbruch des alten Österreich den Titel „K. k. Kaiser-Franz-Josef-Staatsgymnasium". Nach dem bewährten Lehrplan für österreichische Gymnasien wurden die Schüler im humanistischem Geiste und vaterländischem Sinne erzogen. Auf die Schulgesundheitspflege legte Direktor Herfiel besonderen Wert, Turn- und Spielfeste kehrten alljährlich wieder. Durch kürzere und längere Schulausflüge wurde die Jugend mit der engeren und weiteren Heimat bekannt gemacht

  • Nach dem politischen Umsturz im Jahre 1918 wurde die Anstalt „entösterreichert". Der neue „Normallehrplan" vom 14. Juni 1919 wünschte eine größere Pflege der Muttersprache - wobei die Tschechen natürlich an sich selber dachten - ferner eine Möglichkeit zum Studium lebendiger Sprachen und eine erhöhte naturwissenschaftliche Ausbildung. So wurde das Gymnasium mit Beginn des Schuljahres 1920/21 in ein Realgymnasium umgewandelt An Stelle des Griechischen wurde von der dritten Klasse angefangen Englisch unterrichtet; Religion war von der 6. Klasse angefangen kein Unterrichtsgegenstand- mehr. Die naturwissenschaftlichen Fächer wurden mehr berücksichtigt Trotz aller zweckmäßigen Neuerungen, auf die hier im Einzelnen nicht eingegangen werden kann, entbehrte die deutsche Schule doch der inneren Freiheit ihres Denkens und Fühlens. „Der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe folgend" mussten von Lehrern und Schülern die tschechischen Staatsfeiertage mitgefeiert werden, die gelegentlich von Beamten des Ministeriums und des Landesschulrates kontrolliert wurden.

    Der Anschluss des Sudetenlandes an das Deutsche Reich im Jahre 1938 wurde als eine Befreiung von unnatürlichem Zwang empfunden. Man fügte sich auch in die Neuerungen des Unterrichtsbetriebes, da man eine neue Zeit gekommen glaubte, aber die Entfernung zweier jüdischer Lehrer und der jüdischen Schüler wurde als eine bedauerliche Härte empfunden. Aus dem Realgymnasium wurde wieder ein Gymnasium. Die Bewertung der einzelnen Gegenstände im Gesamtunterricht kam auf den neuen Zeugnissen zum Ausdruck: Nun stand an der Spitze die Leibeserziehung; es folgten Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Kunsterziehung, Musik, Biologie, Chemie, Physik, Rechnen und Mathematik, Latein, Griechisch und Englisch, dann die Wahlfächer. Auf den Zeugnissen für das Schuljahr 1940/41 war die Note für Religionslehre noch an vorletzter Stelle vor der Einführung in die Philosophie vorgesehen, doch erhielten die Schüler von diesem Jahre an, soweit sie noch den Religionsunterricht besuchten, ein besonderes Zeugnis durch den Religionslehrer.

    Der Zweite Weltkrieg von 1939 bis 1945 beeinträchtigte den Unterrichtsbetrieb wesentlich. Lehrer und viele Schüler der oberen Klassen wurden zum Wehrdienste einberufen, so dass zum Schluss nur mehr sechs Klassen bestanden. Schmerzlich waren die vielen Opfer des Krieges. Anfang Oktober 1944 musste die Anstalt das Gebäude in der Großen Wallstraße fürs Militär räumen und in das Gebäude der Staatsgewerbeschule übersiedeln, wo der Unterricht durch die vielen Luftalarme häufig gestört wurde und nach der schweren Bombardierung Aussigs am 17. Und 19. April 1945 überhaupt aufhörte. Bei diesen Angriffen wurden sämtliche Fenster des Gymnasiums zertrümmert, Im Laufe des Monats Mai und Juni wurde das Haus zwar noch einmal von den zur Arbeitsdienstleistung verpflichteten Lehrern von den Glasscherben und sonstigem Unrat gesäubert, den das Militär zurückgelassen hatte, aber als die Tschechen vom Hause Besitz ergriffen und Truppen einquartierten, wurden die noch im Hause verbliebenen Sammlungen entfernt und den tschechischen Schulen zugewendet Viele Bücher, zum Beispiel die Fachbücher des physikalischen Kabinetts flogen aus dem zweiten Stock direkt auf einen Schutthaufen im Hofe, wo auch die sonst so sorgfältig gehüteten Hauptkataloge gelandet waren. Die Registratur der Anstalt wanderte auf eine Schutthalde und wurde verbrannt So fand die Schule nach einem Bestande von 52 Jahren ein trauriges Ende.

    Noch aber lebt in den Herzen der Schüler die Erinnerung an ihre Lehrer. Im Laufe des halben Jahrhunderts wirkten an dieser Schule rund 190 Lehrer und Lehrerinnen. Der Gustav Hergel leitete die Anstalt vom Jahre ihrer Gründung 1893 bis zu seinem Übertritt in den Ruhestand am 1. Mai 1926, also fast 33 Jahre. Am 8. Jänner 1928 ist er gestorben. Bis zur Ernennung des neuen Direktors hatte Dr. Berthold Weis die Leitung inne. Am 1. August übernahm Dr. Hans Sachs die Leitung und führte sie bis zum 22. März 1943. Nachdem auch die Oberstudienräte Dr. Alfons Knittel und Dr. Anton Präger die Leitung innehatten, wurde der bisherige Direktor der Realschule Franz Schübel zum Direktor des Gymnasiums bestellt. Dieser führte sein Amt aber nur die wenigen Monate bis zum Zusammenbruchs am 9. Mai 1945.

    Die Aufzählung der Lehrer, die am Gymnasium wirkten, würde bei manchem Schüler sicher irgendwelche Erinnerungen wecken, aber sie würde im Rahmen dieses Aufsatzes doch zu weit führen, aber einiger Lehrer sei besonders gedacht.
    Mit der Errichtung höherer Lehranstalten kamen auch akademisch gebildete Lehrer in die Stadt, die bald an dem kulturellen und wissenschaftlichen Leben ihres Wirkungskreises teilnahmen. Schon der erste Direktor Dr. Hergel hielt viele öffentliche Vorträge. Dr. Georg Bruder verfasste wertvolle Abhandlungen über die geologischen Verhältnisse in der Umgebung Aussigs und zählt zu den Begründern des Aussiger Stadtmuseums. Ferdinand Holzer ist der Gründer der Aussiger Stadtbücherei und sein Nachfolger Josef Martin hat sich als der geistige Schöpfer des Stadtbüchereigebäudes mit seinen Vortragssälen und Ausstellungsräumen ein rühmliches Andenken in der Geschichte des geistigen Lebens der Stadt erworben, wenn auch das stolze Gebäude - eine Stiftung des Kohlengroßhändlers Ed. Jakob Weinmann - ein Opfer des Krieges und der tschechischen Zerstörungswut geworden ist. Der Zeichenlehrer Franz Krause zählt mit Josef Martin zu den Begründern des Vereines für Kunstpflege, der durch die Veranstaltung von Vorträgen und Ausstellungen bedeutsame Leistungen aufweisen konnte. Dr. Karl Müller ist einer der Gründer des Alpenvereins und war Theaterkritiker in der ersten Glanzzeit des Aussiger Stadttheaters. Dr. Hans Sachs war in den deutschen Schutzvereinen tätig; Theodor Schütz im Turnverein und in den völkischen Vereinigungen, Dr. Hermann Fabini im Allgemeinen Deutschen Sprachverein, Dr. Josef Porsche war Leiter der geologischen Sammlungen des Stadtmuseums, Franz Merker wirkte im Gesangsverein und führte eine Zeitlang das Schülerorchester. Die Turnlehrer Leopold Rößler und Albert Oertel haben sich um die Pflege Turnens und Spielens auch außerhalb des Schulbetriebes verdient gemacht. Prof. Franz Lipka war Pfleger des botanischen Gartens der Museumsgesellschaft, Bruno Tanzer und Franz Hardl betätigten sich in den Aussiger Künstlervereinen als schaffender Künstler, wie auch der Zeichenlehrer Karl Jobst als ein feiner Künstler galt Gustav Tögel war ein eifriger Sammler von biographischen Nachrichten für eine sudetendeutsche Biographie und Franz Josef Umlauft, der längere Jahre das Aussiger Stadtarchiv verwaltete und ausgestaltete, Obmannstellvertreter der Museumsgesellschaft und Denkmalpfleger war, wurde durch seine Arbeiten auf dem Gebiete der Heimat- und Familienforschung in weiten Kreisen bekannt. Ein Jahr wirkte am Aussiger Gymnasium auch Dr. Emil Lehmann, der als Führer der sudetendeutschen Heimatbewegung galt, Dr. Franz Hüller hat sich als Bearbeiter einer großen Ausgabe der Werke Adalbert Stifters einen Namen gemacht.

  • Das Aussiger Gymnasium kann im Laufe seines mehr als 50-jährgen Bestandes auf die Heranbildung vieler Schüler verweisen, die es später zu einer angesehenen Lebensstellung gebracht und im öffentlichen Leben etwas geleistet haben. Jetzt bildet die Erinnerung an das Gymnasium freilich nur einen Abschnitt in der Geschichte des geistigen Lebens unserer Heimatstadt,  aber wir dürfen mit Stolz darauf zurückblicken. Da ich acht Jahre von 1894 bis 1902 Schüler und von 1913 bis 1945, also durch 32 Jahre Lehrer am Aussiger Gymnasium war, erlebte ich die Blütezeit und das Ende dieser ehrwürdigen Stätte höherer Bildung Aus dem Aussiger Gymnasium sind auch Lehrer für die anderen höheren und niederen Schulen der Stadt oder der Ferne hervorgegangen. So hat also das Gymnasium die Erwartungen erfüllt, die seine Gründer in Bezug auf die Hebung der geistigen Kultur unserer Heimatstadt von ihm gehegt haben.

    Jetzt bildet die Erinnerung an das Gymnasium freilich nur einen Abschnitt in der Geschichte des geistigen Lebens unserer Heimatstadt, aber wir dürfen mit Stolz darauf zurückblicken. Da ich acht Jahre von 1894 bis 1902 Schüler und von 1913 bis 1945, also durch 32 Jahre Lehrer am Aussiger Gymnasium war, erlebte ich die Blütezeit und das Ende dieser ehrwürdigen Stätte höherer Bildung.


    Der Lehrkörper des Aussiger Gymnasiums 1936:

    Albert Oertel (Turnen), Dr. Franz Hüller (Deutsch, Latein, Griechisch), Otto Rosenthal (Latein, Griechisch, Deutsch), Elisabeth Sitte (Zeichnen), Direktor Dr. Hans Sachs (Deutsch, Latein, Griechisch), Johanna Krombholz (Zeichnen, Turnen), Dr. Walter Gerlich (Mathematik, Physik), Dr. Josef Pfalz (Latein, Griechisch, Deutsch), Gustav Tögel (Latein, Griechisch, Deutsch), Hans Wenk (Chemie), Theodor Schütz (Deutsch, Tschechisch, Turnen), Ernst Dötz (Naturgeschichte), Bruno Tanzer (Mathematik, Zeichnen), Dr. Johann Waidhas (Deutsch, Latein, Griechisch), Dr. Franz Taussig (Deutsch, Tschechisch), Dr. Franz Josef Umlauft (Deutsch, Latein, Griechisch), Dr. Franz Klement (Geographie, Geschichte), Dr. Hermann Fabini (Deutsch, Englisch), Dr. Gustav Keilwerth (Katholische Religion), Josef Mandel (Chemie, Mathematik, Naturlehre), Dr. Franz Schatanek (Naturgeschichte), Franz Merker (Mathematik, Physik), Paul Bundsmann (Deutsch, Englisch), Max Unterwelz ( Geographie, Geschichte), Dr. Anton Präger (Geographie, Geschichte)


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