Heimatfreunde Aussig

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Wallfahrtsort Mariaschein (Bohosudov) in der ČR

Auf den Spuren meiner Ahnen  im Mai 2013
Ein Bericht von Dr. Dieter Seehars

Von Wannow bei Aussig an der Elbe wurde mein Urgroßvater Ferdinand Seehars im Jahre 1871 nach Mariaschein  am Hang des Erzgebirges versetzt, arbeitete hier 10 Jahre als Lehrer und wohnte mit seiner großen Familie in der Lehrerwohnung des Schulhauses. Hier gebar ihm seine Frau nach 3 Mädchen und 2 Knaben nochmals 3 Mädchen. Grund genug, diesem geschichtsträchtigen Ort einen Besuch abzustatten.

Am 17. Mai 2013 morgens begeben meine Frau und ich uns zum Bahnhof Teplice und  lösen eine Gruppenkarte (jízdenka skupina) nach Bohosudov[1], einem Ortsteil von Krupka (Graupen). Auf der Strecke Ústí n. L.- Teplice-Most-Chomutov werden die modernen tiefblauen, Richtung Dach und an der Basis weißen Waggons der ČD (tschechische Staatsbahnen), angetrieben von einer E-Lok, eingesetzt. Die Innenausstattung ist hypermodern, in allen Wagen elektronische Displays mit gut lesbarer Angabe des nächsten Haltepunkts und der Uhrzeit. Bequeme Sitze mit Armlehnen, breite Fenster. Allerdings vom Ein/Ausstieg zu den erhöhten Abteilen nicht ganz senioren- und behindertengerecht 3 Stufen. Über Proboštov erreichen wir den sehr schlichten Bahnhof von Bohosudov, der ziemlich verfallen, aber noch intakt ist. Immerhin 3 Blumenkübel und ein Blumenkasten am Fenstersims als spärlicher Schmuck. Wir wandern bei schwülem Wetter und bedrohlich dunklen Wolken über dem Erzgebirge vom  Bahnhof entlang der schmalen Fahrstraße Lindnerová mit einigen hübschen, neu erbauten Einfamilienhäusern, aber auch verfallenden und unbewohnten Häusern und erreichen einen Park (Park Herty Lindnerové) mit einer auf einer quadratischen Steinsäule stehenden Büste der Kommunistin Herta Lindnerová, (Herta Lindner) geboren 1920 und während der deutschen Besetzung dem antifaschistischen Widerstand angehörend. Sie trat für die Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen ein und war Vorsitzende der Ortsgruppe Mariaschein des „Deutschen Jugendbundes“, der Ersatzorganisation der verbotenen kommunistischen Jugend. 1938  tauchte sie unter und verdingte sich als Verkäuferin in Dresden. Im Sommer 1940 wurde sie Mitglied der KPČ. Zur Pflege ihrer kranken Mutter fuhr sie wieder nach Mariaschein und wurde hier am 27. 11. 1941 verhaftet. Nach 1 Jahr Untersuchungshaft in Brüx wurde sie zusammen mit ihrem Vater ins Zuchthaus nach Berlin-Plötzensee gebracht und 1943 von den Nationalsozialisten ermordet.

Weiter Richtung Erzgebirge entlang der Dlouha, an der Einmündung der Alejna in die Dlouhe stehen wir vor einem besonders erschütternden Beispiel des baulichen Verfalls. Das einstöckige Haus Dlouha 50/228 ist  nur noch im 1. Stock bewohnt, wie an den Parabol-Außenantennen zu erkennen ist. Im Erdgeschoss sind die Fernster der breiten Hausfront zugemauert, an der Seite mit Metallgitter versehen. Der Putz ist zum Teil heruntergefallen, die Fensterrahmen im Dachgeschoss sind  wohl seit Jahrzehnten nicht mehr gestrichen worden und sehen morsch aus. Verrostete Eisenplatten versperren die Kellerfenster. Die farbliche Gestaltung des Hauses ist auch mit Wissen der Vorliebe der Tschechen für grelle Farben kurios, der erste Stock hat eine schmutzig olivgrüne Farbe, das Erdgeschoss ist rosa angestrichen. Das Fallrohr der Dachrinne an der Hausecke reicht nur zum ersten Stock, so dass sich bei Regen das Wasser im freien Fall auf Bürgersteig und Straße ergießt. Zwei Häuser weiter dagegen ein sehr gepflegtes, neu eingedecktes Haus. Etwas weiter aufwärts eine wunderschöne alte Villa mit schönen bogenförmigen Stuckverzierungen über den großen Fenstern, großer Runderker im Erdgeschoss, darüber ein mit Holzzaun gesicherter Balkon. Der als Regenschutz dienenden Abdeckung über dem Balkon  fehlt die Dachrinne. Von der Fassade bröckelt der Putz ab, der verbliebene Putz zeigt sich grau in grau. Das Dach ist mit Schindeln gedeckt, am Dach links eine große Gaube, daneben ein typisch böhmisches „Ochsenauge“, das schmale eigenartig geformte Dachfenster. Wir sind nicht sicher, ob die Villa noch bewohnt ist. Daneben ein sehr gepflegtes Doppelhaus in greller hellgelber bzw. orangener Farbe. Davor gepflegte, mit rechteckigen Pflastersteinen versehene Bürgersteige, die durch einen eingelassenen Kantstein zur Straße hin abgeschlossen sind.

Wir nähern uns dem großen Komplex der Wallfahrtsbasilika von Mariaschein, heute ein Ortsteil von Krupka. Der bereits im 13. Jahrhundert (Dorf Althof) und später im Jahre 1446 (Dorf Scheine) erwähnte Ort wurde auch wegen der Fundstätten und Förderung von Zinn bekannt. Im 19. Jahrhundert entstanden in der Umgebung die ersten Braunkohlengruben. Heute gibt es hier auch wegen der Seilbahn zum Komáří vížka (Mückentürmchen) wieder ein wenig Fremdenverkehr.

Wir besuchen zunächst die in den Jahren 1701 – 1706 erbaute Basilika der schmerzhaften Mutter Gottes (Bazilika Panny Marie sedmibolestné) mit den mächtigen barocken quadratischen Zwiebeltürmen. Über dem auf Säulen stehenden Eingangsportal sieht man zwischen zwei unterbrochenen Rundbögen eine vergrößerte Darstellung des Gnadenbildes, in Nischen rechts und links die Statuen der Jesuitenheiligen Ignatius von Loyola und Franz Xaver, dem Wegbereiter der christlichen Mission in Asien und Mitbegründer der Gesellschaft Jesu.

Um die Geschichte der Basilika und ihrer Vorgängerkirchen rankt sich eine alte Sage. Danach hat sie ihren Ursprung im Kloster von Schwaz, Geburtsort meiner Großmutter. Dieses alte Kloster wurde im 15. Jahrhundert von den Hussiten niedergebrannt. Vorher waren die Nonnen schon in die Wälder um Graupen geflüchtet und hatten eine 15 cm hohe Marienfigur aus gebranntem Lehm mit vergoldetem Umhang vor der Vernichtung gerettet und  im Hohlraum einer Linde versteckt. Viele Jahre nach dem Tod der letzten Nonne kam ein Mädchen aus Graupen an diesen Ort, um hier Gras zu mähen. Plötzlich  schlang sich  eine Schlange um seinen Arm. In seiner Todesangst rief es Maria um Hilfe. Maria hat die Hilferufe wohl erhört, die Schlange zischte in Richtung der Linde und machte sich dann davon. Das Mädchen bemerkte bald die im Hohlraum der Linde stehende kleine Marienfigur und meldete seinen Fund dem Pfarrer, der an dieser Stelle eine hölzerne Kapelle errichten ließ, die später durch eine steinerne Kapelle ersetzt wurde. Im Barockzeitalter erfolgte der Bau der großen Basilika, deren Hochaltar an der Stelle der alten Linde steht und in dessen Nische oberhalb des Tabernakels nun die Marienfigur aufbewahrt wird.

Der Grundriss der Kirche ist rechteckig, sie besteht aus nur einem Längsschiff und hat an jeder Seite 3 Kapellen einschließlich Altar und Beichtstuhl. Mit Glück gelangen wir hier wegen des in der Kirche befindlichen Organisten und einer am Eingang tätigen  Kirchendienerin in die Basilika mit einer Länge von 52 m und einer Breite von 25 m. Wir bewundern den prachtvollen barocken von 4 schwungvollen mit Lindenblättern verzierten Rokokosäulen eingerahmten und mit Baldachin überdachten Hochaltar (erbaut 1704 – 1714), eine Miniaturausgabe des Altars von St. Peter im Vatikan zu Rom. Überragt wird der Altar von der Weltkugel mit dem Kranz, zwei geflügelten Engeln und  ganz oben Christus am Kreuz.  Auch die Rückseite des Hochaltars besitzt einen Altartisch. Die beiden Querbögen des Altars enthalten im Zentrum auf Schildern in weißer Schrift auf blauem Untergrund tschechische Inschriften:

Der vordere Bogen:

Brano nebestá oroduj za nás: Pforte zum Himmel, bitte für uns!

Der hintere Bogen:

Matka bolesná oroduj za nás: Schmerzhafte Mutter, bitte für uns!

Hinter dem Altar finden wir noch deutsche Inschriften. Eine davon ist:

Dieses altehrwürdige Gotteshaus und Heiligtum der „Schmerzhaften Gottesmutter Maria“, zu dem im Laufe der Jahrhunderte schon ungezählte Scharen von Wallfahrern gepilgert sind und in den verschiedensten Anliegen des Leibes und  der Seele Erhörung gefunden haben, ist von

Papst Pius XI.

anlässlich des 500-jährigen Jubiläums, gefeiert im Jahre 1925 durch Breve (kurz gefasster päpstlicher Erlass) vom 6. Juni 1924, zum Range einer

Basilika minor

erhoben worden. Weihevoll ist dieser Ort und eine Pforte des Himmels

Die prachtvolle Kanzel (1714) mit schmuckem Schalldeckel weist eine reichhaltige Ornamentik auf. Hinten auf der Empore die große Orgel, der wir das Glück haben lauschen zu dürfen und deren Klang die große Kirche ausfüllt.  Die Orgel mit barockem Prospekt  zeigt die Figuren der hl. Cäcilia und von König David sowie eine Vielzahl von musizierenden Engeln. Die Kirche wurde von den italienischen Architekten Broggio erbaut. Zum Mittelgang hin runden prachtvoll ornamentierte Holzbänke aus dem Jahre 1730 das Bild der Kirche ab. Die Basilika verfügt über zwei Sakristeien, die auf der Seite der Kanzel für die „Weltpriester“, auf der anderen Seite für die Jesuiten bestimmt waren.

Die Basilika ist von einem Ovalkreuzgang (erbaut 1670 – 1720) mit 7 Kapellen im Barockstil umgeben. Die Kapellen sind Symbol für die sieben Schmerzen Marias und tragen die Namen ihrer Stifter von Städten und Adelshäusern Die Fassaden der Kapellen bedürfen dringend einer Renovierung. Im Kreuzgang stehen viele kunstvoll geschnitzte Beichtstühle, die im Innenbereich eigentlich einer Behandlung mit Holzschutzfarbe bedürfen. Über den Beichtstühlen sind halbkreisförmige Wandmalereien mit geschichtlichem Hintergrund zu erkennen. Eine Darstellung zeigt die Prozession der Aussiger nach Mariaschein im Jahre 1610.  Zur Kirche gehört das angeschlossene ehemalige Jesuitenkloster und das 1679 gegründete bischöfliche Gymnasium, das älteste in Böhmen. Heute dient das Gebäude als bischöfliches Gymnasium der Diözese Litoměřice.. Neben dem Haupteingang mit Torbogen und schmiedeeisernem Gitter befindet sich das Gasthaus „Klášterni zátiší“ (klösterlicher stiller Ort).   

Nach Besichtigung des Komplexes gehen wir 1 km aufwärts zur Talstation des Sessellifts auf das Mückentürmchen. Wir erreichen die Kasse um 12 Uhr 45, leider ist die Bahn um 12 Uhr 30 abgefahren. Die Seilbahn wurde 1952 in Lizenz der Schweizer Firma von Roll in Bern vom Staatsunternehmen Transporta in Chrudim, Krs. Pardubice, Ostböhmen (ČR) gebaut. Jede Stunde findet eine Bergfahrt statt. Wir lösen Tickets für die Fahrt um 13 Uhr 30 für 150 čK pro Person. Dann fahren wir mit der mit 2.4 km längsten Seilbahn ohne Zwischenstation  in Osteuropa und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 2.4 m/s in einem Sessellift mit 2 Sitzen durch Waldschneisen nach oben. Am Gipfel steuern wir auf die Gaststätte mit dem weithin sichtbaren Türmchen zu, das Gebäude könnte eine Renovierung gebrauchen. Die Sicht vom Gipfel in 806 m ist allumfassend. Man sieht bei guter Sicht das Mittelgebirge mit seinen Vulkanen, insbesondere Most mit dem Schlossberg, Bilina mit dem Borschen und die gesamte renaturierte Kohlegegend um Bilina und Teplice. Wir kehren in das Gasthaus ein und verzehren hier schmackhafte Gerichte, meine Frau Wildgulasch mit Knödeln, ich ein vegetarisches Gericht mit Risotto. Sehr preiswert für uns und schmackhaft! Vor der Frontseite des großen Gebäudes steht eine mit Gesteinen und Mineralien gefüllte Lore,  die auf die Förderung von Zinn am Gipfel (Bergbau im 16. Jahrhundert) hinweist. In der Nähe des Gasthauses haben wir von einem Aussichtspunkt aus einen schönen Blick auf den Erzgebirgskamm, der zum großen Teil entwaldet ist. In diesen kargen Höhen  wird noch Weidewirtschaft betrieben. Vor dem 2. Weltkrieg war der Kamm weitgehend von Deutschen besiedelt.  Nach 1945 wurde die deutsche Bevölkerung im Rahmen der Beneš-Dekrete zwangsweise ausgesiedelt, Orte wie Müglitz und Eberstorf verfielen, da wegen fehlender Verdienstmöglichkeiten keine Tschechen nachzogen. Der nach N hin erkennbare Ort Voitsdorf (Fojtovice) litt unter dem Abriss vieler verlassener Häuser, blieb aber bestehen. Vor 1945 hatte der fast nur von Deutschböhmen besiedelte Ort in 700 m über NN 820 Einwohner, heute wohnen hier noch 95 Menschen in 14 Häusern. Auch Obergraupen (Horní Krupka) blieb erhalten und entwickelte sich zu einem Ferienort. Weiter im Norden erkennt man den deutschen Ort Fürstenberg und etwas weiter nach W die Kuppe des 905 m hohen Alteberg.

Wir gehen noch abwärts vorbei an einer aufgegebenen und langsam verfallenden Gaststätte, durchqueren eine Pinge, eine durch den Einsturz alter Gruben entstandene trichterförmige Vertiefung und kommen entlang einer Asphaltstraße zu einer Barockkapelle, wo eine alte Frau uns in Deutsch einige Erklärungen gibt. Die Kapelle wurde in den Jahren 1692 bis 1700  errichtet und dem Patron der Bergleute, dem heiligen Wolfgang geweiht. Er soll hier einige Zeit gelebt haben und ist dann ins bayrische Regensburg gewechselt, wo er zum Bischof von Regensburg ernannt wurde.

Wir messen mit dem Digitalthermometer 18.0 °. Es weht ein kräftiger Südwind, und es ist fast bedeckt. Um 16 Uhr 30: wieder Talfahrt. In  200 m Entfernung vom Liftgebäude erreichen wir den großen terrassenförmigen Friedhof, den wir besuchen. Viele deutsche Gräber sind noch intakt. Von einigen Grabsteinen sind die deutschen Inschriften entfernt worden. Am Rande des Friedhofs stehen in 3 Reihen übereinander mit von schwarzen Holzrahmen umfasstem Glasfenster versehene Urnenboxen, hinter denen die Urnen sichtbar sind. Die Boxen sind abschließbar, die Angehörigen stellen Trockenblumen, Fotografien der Verstorbenen und esoterische Gegenstände in die Boxen. Die Namen der Toten und einige Lebensdaten sind auf den Urnen eingraviert.

Wir begeben uns auf Umwegen wieder zum  Bahnhof von Bohosudov und fahren zurück nach Teplice.  13 km haben wir heute abgewandert.

Quellenverzeichnis

1.    Wikipedia Bohosudov

2.    Der Wallfahrtsort Mariaschein. www.komotau.de

3.    Michael Hoffmann: Mariaschein – Bohosudov. Ein Wallfahrtsort im Dornröschenschlaf. www. Hoffmannfamilie.net

4.    Mariaschein. Heimatfreunde Aussig. www.heimatfreunde–aussig.de

Schlussbemerkung

Im Geschichtsunterricht habe ich gelernt, dass der sächsische Kurfürst August der Starke mit seiner Familie zum katholischen Glauben übertreten musste, um König von Polen zu werden. Unbekannt war mir die Information, dass er und seine Familie von Jesuiten aus Mariaschein im Katholizismus unterwiesen und so auf den Glaubenswechsel vorbereitet wurde.  

Dr. Dieter Seehars, Radegang 2, 21244 Buchholz i. d. N.  


[1] Bohosudov setzt sich zusammen aus Bůh (Gott) und soud (Gericht), bedeutet somit Gottesgericht.

 

Zu dem vorherigen Bericht

Fotos von Dr. Dieter Seehars

 

Gegensätze in Mariaschein
 

 

Längsschiff der Basilika
 

 

Basilika und Kreuzgang mit einer Kapelle

 

Restaurant "Mückentürmchen" mit "Bimmelbahn" aus Altenberg
 

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