Heimatfreunde Aussig

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Von Bořislav zum Gipfel des Milleschauer
Dr. Dieter Seehars, Radegang 2, 21244 Buchholz i. d. N.


Wo Andere ein fast mystisches Verhältnis zum Mount Everest haben und von seiner Besteigung träumen, bewege ich mich auf etwas bescheidenerer Ebene und begnüge mich mit  dem Milleschauer als dem Berg meiner Sehnsüchte. Grund war mein seit 1937 im Sauerland lebender Großvater, der die Gabe hatte, mir schon als Kind in packenden Erzählungen seine böhmischen Heimat nahe zu bringen. Zentraler Teil seiner Erzählungen war der Milleschauer, den mein Großvater, damals in Mariaschein wohnend, mit seinem Vater in den Jahren 1885 bis 1890 mehrmals bestiegen hat.

Mein erster gescheiterter Versuch im Jahre 2009, dem Berg von Bad Schandau aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln möglichst nahe zu kommen und zum Gipfel zu gelangen, brachte mich mit dem Bus nach Hostovice oberhalb Aussig. Ich habe in einem Gewaltmarsch bei ziemlich hohen Temperaturen über Stebno, Habrovany, Žim noch Bilka erreicht, musste hier aber, um mit Bus und Bahn abends noch wieder nach Bad Schandau zurück zu kommen, auf den Aufstieg verzichten, meine Enttäuschung angesichts des nahen Gipfels war groß.    

Am 18, Mai 2013, war nun endlich Gelegenheit, mein lang gehegtes Ziel zu erreichen. Um 8 Uhr 15 verlassen meine Frau und ich unser Hotel in Teplitz und gehen bei leichtem Regen zum Bahnhof. Hier treffen wir uns mit unserem Wanderfreund Jirka Šich und seiner Lebensgefährtin Kveta. Wir lösen ein Gruppenticket nach Bořislav, das wir nach 35‘ auf einspuriger Strecke mit einem Triebwagen erreichen. Das Bahnhofsgebäude macht einen sehr schlichten und verschlafenen Eindruck, wozu sicher auch das wolkenverhangene Wetter mit leichtem Regen beiträgt. Die braunen Holzfenster und die Fassade würden einen neuen Anstrich vertragen. An der Bahnhofsfront ist ein Schild mit der Höhenangabe 307 m über NN angegeben, so dass wir noch 530 m steigen müssen. Das schon 1169 erwähnte Dorf Bořislav liegt 2 km von Bilka (Pilkau) entfernt, jenem Ort, an dem ich 2009 meine Wanderung zum Milleschauer abbrechen musste. Es regnet schwach, die Wege sind schmierig und wenn nicht die Prognose Wetterbesserung im Laufe des Tages versprochen hätte, könnte man verzweifeln. Mit Schirm oder Regencape bewaffnet, bewegen wir uns auf breitem Wege aufwärts, durchqueren den Ort mit einigen verfallenden Häusern wertvoller Bausubstanz und einer Barockkirche mit mächtigem Turm, wie viele kirchliche Bauten in der ČR renovierungsbedürftig. Eine Hausfassade erregt unsere Aufmerksamkeit. Hinter einem Feuerlöschteich steht ein verfallendes Gebäude mit schönem Barockgiebel und einer Heiligenfigur im zentralen oberen Teil der Hausfront, die Fenster und Rahmen fehlen. Über der unteren Fensterfront ist noch die Inschrift „Restaurant“ erkennbar. Nach Überquerung der Paschkopole, der alten Passstraße (heute: E 55/D 8) über das Mittelgebirge, die Prag mit Zinnwald und Dresden verbindet, geht es weiter Richtung Milleschauer, den steilen Bergkegel (Neigung um 30°) des aus sodalithischem Trachyt bestehenden Vulkans trotz des mäßigen Wetters klar im Visier. Schon 1819 hat der Naturforscher Alexander von Humboldt den Milleschauer bestiegen. Wir passieren in der Nähe von Bilka auf dem sogenannten Freundschaftsweg eine Reihe von 14 schönen Steinskulpturen, ohne uns um die Symbolik der einzelnen Darstellungen zu kümmern. Eine fiel uns aber dennoch besonders auf: am Wegrand stand eine schlichte Skulptur, bestehend aus einer quadratischen Steinplatte, die auf ein massives Fundament aufgesetzt war und in die in schwungvoller lateinischer Schreibschrift der Name Rainer Maria Rilke eingemeißelt war. Eine Urzelle der Vorfahren Rilkes soll aus Türmitz stammen, wo der Name bis zur Ausweisung der Deutschböhmen noch vorkam. In Bilka, einer kleinen Streusiedlung, fällt uns die sehr gepflegte kleine Kapelle, eine weiße Rotunde mit spitzem Turm auf, die den Namen des heiligen Wenzel trägt und an die ich mich  von meiner ersten Wandertour vor 4 Jahren noch schwach erinnerte. Auch hier gepflegte und renovierte, aber auch unbewohnte, verfallende Häuser. Es geht hinter Bilka in den Wald und auf steilem und leicht steinigem Weg aufwärts, zum Teil liegen am Rand des Weges die Buchenwurzeln frei und krallen sich wieder in den Fels und das Erdreich. Jirka entdeckt am Weg einen prachtvollen Feuersalamander, der sich aber bald ins Laub über dem Waldboden neben dem Weg verkriecht, es bleibt aber genug Zeit für ein Foto. Immer steiler und auf steinigem unebenen Untergrund - man muss schon auf die Hindernisse am Boden achten, um nicht zu straucheln - kämpfen wir uns bei nachlassendem Regen aufwärts und bewundern die prächtige Bodenvegetation des lockeren Buchenwaldes, vor allem den blühenden Salomomonsiegel. Um 11 Uhr 45 erreichen wir den von mir ersehnten Gipfel der milešovka (Milleschauer), die Fernsicht ist zum Teil durch niedrige Wolken verdeckt, aber es ist bei einigen Wolkenlücken am Horizont endlich trocken. Der Wind weht kräftig, und die Temperaturen liegen sicher im einstelligen Bereich. Dennoch erkennen wir im Südosten temporär den Doppelgipfel des Lovoš, den Boreč und im Tal die glitzernde Wasserfläche der Elbe. Der Boreč ist bekannt für seine im Winter bei frostigen Temperaturen bis 18 °C warmen Luftexhalationen durch aus dem Berginneren zum Gipfel aufstrebende Schlote. Der Berggipfel ist aus diesem Grunde immer schneefrei. Viele Antennen und Parabolspiegel unterhalb des Gipfelbereichs sind Zeugen des technisierten Zeitalters. Auf dem Gipfel befindet sich die heute noch arbeitende Wetterstation als älteste Bergstation in Böhmen. Der Aussichtsturm kann an Wochenenden bestiegen werden und bietet bei guter Sicht Ausblicke bis zum Iser- und Riesengebirgskamm, nach N bis zum Tafelberg „Hoher Schneeberg“. Unter uns in ca. 2 km Entfernung liegt das zwischen Wolkenfetzen sichtbare Dorf Milešov mit seinem Renaissanceschloss. Langsam tritt Wetterberuhigung ein, die Fernsicht bessert sich, und wir erkennen in einiger Entfernung von der Sonne beschienene gelb leuchtende Rapsfelder. Das Panorama nach S bzw. SW ist beeindruckend mit aufgereihten Vulkankegeln wie Hradišt’any (752 m), dem benachbarten, durch den Höhenzug „Ziegenrücken“ verbundenen Ostrý (718 m), Lipska Horá (677 m), Solanská Horá (638 m), Plešivec.(477 m), Košt‘ál (481 m) mit der Burgruine Košt‘álov, Ovčín (431 m), weiter südlich Házmburk mit der gleichnamigen Burgruine, etwas nördlich vom Egergraben. Der Hradišt’any (von tsch. hrad: Burg) mit den Resten einer alten Burg ist der zweithöchste Gipfel des Mittelgebirges.

Wegen der niedrigen Temperaturen und des kräftigen Windes steuern wir die knallgelb angestrichene Chata milešovka an, an deren Eingangstür die Betriebszeit (doba provrozní) mit originellen 9 Uhr bis ∞ angegeben ist. Ob der Betreiber des schlichten, aber sauberen Imbisses mit Mathematik zu tun hatte? Wir verzehren eine wärmende Suppe, trinken Mineralwasser und Bier sowie Kaffee. Die Sicht bessert sich zusehends, so dass ich durch das große Fenster hindurch bei allerdings immer noch über uns liegender dunkler Wolkendecke einige Fotos machen kann. Jirka macht mich auf einen weit im Süden liegenden im diesigen Wetter schwach erkennbaren aus der Ebene aufragenden Vulkan aufmerksam, der für die Tschechen große Bedeutung hat: den Berg Řip (459 m) ca. 5 km südöstlich von Roudnice nad Labem. Hier geht die Sage, dass der Urvater der Tschechen, Čech, von der Gegend der hohen Tatra kommend, mit seiner Sippe den Berg erreicht und ihn bestiegen hat. Oben angekommen, soll er so überwältigt von der Aussicht gewesen sein, dass er gesagt haben soll: ‘hier ist das Paradies, hier bleiben wir‘. Links von uns driftet eine Wolkenschicht am Gipfel vorbei, stürzt wieder zu Tal und löst sich dann auf. Immer mehr Aufhellungen tragen auch zu einer besseren Fernsicht bei. Wir erkennen etwas klarer die Házmburk auf einem Bergkegel, etwas näher die auf dem Bergkegel Košt’al liegende Ruine Košt’álov, davor den Boreč. Die Sonne kommt hervor, und wir genießen die sich schlagartig bessernde Sicht vor allem nach S und SW. Inzwischen halten sich doch eine große Anzahl von Menschen im Gipfelbereich auf. Kein Wunder, befinden wir uns doch auf dem König des durch tertiären Vulkanismus entstandenen böhmischen Mittelgebirges. Auf die Besteigung des Aussichtsturms verzichten wir wegen des Windes und der dichten Bewölkung vor dem Erzgebirgskamm.

Wir verlassen den Gipfel und begeben uns auf den wesentlich leichteren Abstieg. Immer den Blick wegen steinerner oder hölzerner Hindernisse auf den Boden gerichtet, erreichen wir einen der Maste, der die Seilbahn durch die Waldschneise zum Gipfel trägt und die Versorgung der Chata oben gewährleistet. Welcher Segen, dass der Lift  keine Personen nach oben  transportiert!  Wir passieren die steinernen Skulpturen zweier deutscher bzw. tschechischer Künstler am Wegrand und genießen den klaren Blick auf das Erzgebirge mit tiefblauem Himmel und einigen weißen Cumuli. Wunderbarer Blick nach oben auf den sonnenbeschienenen Gipfelbereich des Milleschauer in frischem, frühlingshaftem Grün. Wir erreichen Bilka bei strahlendem Sonnenschein, passieren weiter abwärts wellige Wiesen, bestanden mit größeren Flächen von roten Lichtnelken, tiefblauem Gamander Ehrenpreis, Löwenzahn und vereinzelt Wiesenstorchschnabel und gelangen nach weiteren 2 km wieder nach Bořislav. Oberhalb der Kirche haben wir einen freien Blick nach Nordosten auf die Breitseite des mächtigen Hohen Schneebergs mit dem Aussichtsturm. Das verlassene Haus mit der schönen Fassade und Löschteich bietet sich uns dieses Mal trotz seiner Baufälligkeit durch das gleißende Licht in viel freundlicherem Ambiente dar. Leicht verschwitzt fahren wir mit Blick auf das Erzgebirge und den Teplitzer Schlossberg mit dem von Lovosice kommenden Triebwagen nach Teplice. Hier verabschieden wir uns von Kveta und Jirka und wandern vom Bahnhof zu unserem Hotel gegenüber dem Kaiserbad an der Straße U Cisařských lázní. Endlich habe ich mein Ziel erreicht, auch meine aus Hamburg stammende Frau war begeistert.

Diese Bilder zum Artikel sind von Dr. Dieter Dr. Seehars
 

von Dr. Dieter Dr. Seehars, 2013
Blick vom Gipfel zum Košt'al, Ostrý und zur Házmburk

     

von Dr. Dieter Dr. Seehars, 2013

 

von Dr. Dieter Dr. Seehars, 2013

Chata Milešovka

 

 Milleschauer mit Steinskulptur "Ruf des Berges"

von Dr. Dieter Dr. Seehars, 2013

 

von Dr. Dieter Dr. Seehars, 2013

Steiniger, holpriger Abstieg

 

Barocke Hausfront in Bilka

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