Heimatfreunde Aussig

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Ostern 1946
Erinnerung an die Leidenszeit im Lager Schöbritz.
Ein Bericht aus dem Aussiger Boten 1953

Wieder nähert sich Ostern, das Fest der Auferstehung des Herrn, aber auch des Erwachens der Natur aus langem Winterschlaf. Wohl wechselt das Kalenderdatum dieser Festtage alljährlich, doch in unserem Elbetal mit seinem wärmeren Klima standen die Ostertage doch immer mehr oder weniger schon im Zeichen des Frühlings.
Nun begehen wir dieses Fest schon das siebte Mal in der neuen Heimat, doch immer wieder muss ich an jenen Ostersonntag 1946 zurückdenken, den letzten in der alten Heimat. Nach achtmonatlicher ,,Internierung;" im berüchtigten Lager Lerchenfeld und etwa vierwöchiger Kuliarbeit bei den Aufräumungsarbeiten in der Kleinen Wallstraße, traf in unserer Notwohnung in der Johannisgasse der Befehl des tschechischen Nationalausschusses ein, nun Karfreitag vormittags 8 Uhr mit 30 kg Gepäck im Lager Schöbritz zur Ausweisung gestellt zu sein.
Wohl war dieser Befehl zum zwangsweisen Verlassen der Heimat für uns alle ein Schicksalsschlag, doch er brachte uns zugleich die Erlösung aus den unwürdigen und unsicheren Verhältnissen, unter denen wir Sudetendeutsche seit den Maitagen 1945 leben mussten. Wir nahmen Abschied von den zunächst noch zurückgehaltenen Freunden als auch von den Gräbern unserer Toten. Noch einmal suchten wir die Klosterkirche zu stillem Gebet auf und dann am Elbeufer sahen wir noch einmal hin zum alten Schreckenstein und in die vom Frühlingsraunen erfüllte Elbtallandschaft, die wir so oft zu jeder Jahreszeit durchwandert hatten. Ostern fiel 1946 in die zweite Aprilhälfte; so hatte die Heimat bereits ihr schönstes Blütenkleid angelegt.
Karfreitagmorgen zogen wir mit unserer geringen Habe die einstige Feststraße unserer Elbestadt hinaus gegen Schöbritz. Immer mehr Schicksalsgefährten reiten sich in die Karawane ein, bis wir das Tor des Lagers durchschritten hatten; damit war die freie Verbindung mit der lieben Heimat eigentlich abgebrochen. Nach der Kontrolle, bei der den meisten von uns das wenige Gepäck noch mehr „erleichtert" wurde, erfolgte die Einweisung in die Baracken. Dort gelangte man allmählich erst wieder zu ruhiger Besinnung. Unter den Lagerinsassen fanden sich viele Freunde und Bekannte, die seitens der tschechischen Machthaber ebenfalls zur Ausweisung befohlen waren.
Karsamstag kamen wiederum sehr viele Schicksalsgefährten hiezu, so dass an diesem Tage mehr als tausend Sudetendeutsche in dem von Stacheldraht eingesäumten und von schwer bewaffneten Posten bewachten Lager gewesen sein mögen. Der Ostertag stand bevor und unter uns wurde der Wunsch laut, es möchte für uns ein Gottesdienst abgehalten werden. Fast wider Erwarten wurde uns diese Bitte erfüllt.
Ostersonntag 1946. Strahlende Morgensonne glänzte über der Heimat, als sich wohl alle Lagerinsassen auf einem freien Platz versammelten. Dort stand unter einem mächtigen Blüten übergossenen Apfelbaum ein weiß gedeckter Tisch, geziert mit einem Kreuz und zwei Kerzen. Eigenartig feierliche Stimmung erfasste uns: wir blickten über die grauen Holzbaracken hinweg in die weite Landschaft. Die wundervolle Kulisse zu diesem eigenartigen Geschehen bildeten die grünenden Hänge des Strisowitzer Berges, des Haubergmassivs und des Johnsdorfer Rückens: weit draußen war der Blick begrenzt vom dunklen Hang des Erzgebirges. Diesen weiten Kessel aber überspannte ein blauer wolkenloser Himmel und machte ihn so zum gewaltigen Dome der Heimat, in dem wir nun dem Beginne des heiligen Opfers harrten.
Es war wohl 9 Uhr. als der Seelsorger der benachbarten Gartitzer Kirche, unser Pfarrer Erich Goldammer im schlichten Meßgewand, begleitet von einem Theologen, an den einfachen Altartisch trat um für uns das letzte Meßopfer in der Heimat darzubringen. Wohl erst zaghaft, doch immer stärker
erklangen unsere vertrauten deutschen Kirchenlieder und dazwischen übersetzte der Theologe die lateinischen Gebete des Priesters in die deutsche Sprache. Doch als das wohlbekannte Lied „Heilig, heilig ist der Herr" aus Schuberts deutscher Messe angestimmt wird, da scholl ein vielhundertstimmiger Chor gegen den Himmel und es war, als möchte ein jeder der singenden Menschen sein herbes Leid, zugleich aber auch seine bange Hoffnung in dieses einfache Lied kleiden. Unvergesslich bleibt uns der tiefe Eindruck dieses Gesanges. Und in diesen Lobgesang des Schöpfers mischte sich aus dem Blütenbaum hinterm Altartisch das Jubilieren der frühlingsfrohen Vogelschar.
Der Gottesdienst ging zu Ende. Nun wandte sich der Priester zu uns, um uns mit wenigen, aber tief bewegten Worten Gottes Segen und seine herzlichen Wünsche, mit auf den Weg in das Land der vielen Dome und Kirchen zu geben. Mehr zu sprechen war Pfarrer Goldammer verboten, doch für uns bedeuteten diese wenigen Worte gleichsam eine frohe Osterbotschaft, konnten wir doch daraus entnehmen, dass unser Transport nach Bayern geleitet würde, was einen Lichtblick in all dem Leid bedeutete. Tief beeindruckt kehrten wir wieder in unsere Baracken zurück, um dem Abtransport entgegen zu sehen.
Wenige Tage später, am 25. April 1946, war es dann so weit. In den Abendstunden wurden wir auf Lastkraftwagen verladen und durch die vertrauten Gassen der Heimatstadt zum ,,ATE"-Bahnhof gefahren. Und als wollte das Schicksal uns den Abschied von der lieben Heimat erleichtern, war es dunkle Nacht, als sich unser Transportzug in Richtung Eger und damit nach Bayern in Bewegung setzte. Damit war die uns gewordene Osterbotschaft in Erfüllung gegangen, das tiefe Erlebnis des letzten österlichen Gottesdienstes auf Heimatboden aber bleibt mir und wohl allen Beteiligten zeitlebens unvergesslich.
Ka. AB 5/3
Bei diesem Transport war auch unsere Familie dabei.
K.H. Kralowetz

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