Heimatfreunde Aussig

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Die Familie Maresch aus der Stadt Aussig an der Elbe

Von Dieter W. Winter

 
Selten hat eine Familie die Geschicke der Stadt Aussig so mit geprägt und geformt wie die Familie Maresch. Als eine der wenigsten Fabrikantenfamilien stammt sie seit Jahrhunderten aus Böhmen, ist seit 1790 hier in Aussig nachgewiesen.
Die Vorfahren unserer Mareschs sind bis ins 17. Jahrhundert in Böhmen nachweisbar. Es tauchen Namen auf wie Tlattla, Kanka, Tschaler, Klapeczek, also Familien mit tschechischem Namen, so wie auch Mareš (von Martin) aus dem Tschechischen stammt.. 1660 erscheint sogar ein Salomon Herglotz unter den Ahnen.. Aber auch Namen wie Schlegel und Schweller (Jakob, gestorben 1690 als Kaufmann in Aussig). Verbindungen zu den Familien Kalliwoda, Thamm und Stoy, aus denen Aussiger Bürgermeister hervorgingen.
Vor allem aber Ferdinand Hieronymus Ertl (1729 – 1807), Advokat und Stadtsyndikus von Aussig, darf nicht vergessen werden. Dieser hat sich vor allem während des Siebenjährigen Krieges und auch danach um Aussig verdient gemacht. Das Bild eines ernsten und respektablen Mannes hängt heute im Aussiger Rathaus. Seine Tochter Konstanze, die dritte Frau von Bürgermeister Maresch, schenkte diesem acht Kinder.
Johann Maresch (der Ältere) (1768 – 1831) kam aus Keblitz bei Leitmeritz, wurde (als Sohn eines Lehrers) 1790 Schulgehilfe in Aussig, dann Kantor in Schreckenstein. 1793 wurde er Chorrektor und Organist in Aussig und erhielt 1797 das Bürgerrecht. Von 1799 bis 1831, also fast 32 Jahre, stellte er sich in den höchsten Dienst unserer Stadt von damals ca. 1350 Einwohnern und war deren Bürgermeister zu Zeiten Napoleons und den wirren Zeiten danach. Anfangs ohne Salär, also ehrenamtlich, erst ab 1804 wurde ihm ein Jahresgehalt von 50, später dann 100 Gulden gewährt. Geriet 1830/31 in den Verdacht der Veruntreuung von kommunalen Geldern, nach jahrelangen Recherchen wurden diese Vorwürfe jedoch als unhaltbar verworfen. Nach seinem Freitod 1831 ermahnte er in seinem Testament die Stadtvertretung, künftig besser für ihren Bürgermeister zu sorgen. Johann Maresch wurde der Bürgermeister mit der längsten Dienstzeit aller Primatoren von Aussig.
Sein jüngster Sohn Johann war 10 Jahre alt, als er den Vater verlor. Bereits mit 12 Jahren musste er in die Kaufmannslehre in Aussig., wurde dann Kommis in Prag. 1845 trat er als kaufmännischer Leiter bei Adolf Bähr ein, der 1841 in Aussig Ecke Materni- und Teplitzer Straße die erste, wenn auch noch recht bescheidene Produktion von Haushaltsartikeln aus Siderolith, einem sehr haltbaren porzellanähnlichen Steingut, aufnahm.
Adolf Bähr (1802 – 1849) stammte aus einer Schifferfamilie in Pirna-Posta und lernte bei Leyhn in Pirna den Beruf des Porzelliners. 1828 ging er nach Bodenbach zu Wilhelm Schiller und arbeitete dort recht erfolgreich. Vermutlich aus Konkurrenzdenken wurde ihm dort jedoch die Selbstständigkeit verwehrt. Nach mehreren vergeblichen Versuchen entschloss er sich, seinen Betrieb in Aussig zu eröffnen und wurde damit zum ersten Industrieansiedler in unserer Stadt.
Johann Maresch (1821 – 1914) muss sich dort gut eingeführt haben. Durch rastlose Tätigkeit und emsigen Fleiß brachte er die Fabrik rasch vorwärts. Nach Bährs frühem Tod 1849 heiratete er ein Jahr später dessen Tochter Marie Luise und wurde 1851 mit der Schwiegermutter Wilhelmine Bähr Gesellschafter in der neuen Firma „Bähr & Maresch“. Unter seiner Leitung wurde die Produktion auf Kunstterrakotten und Majoliken ausgedehnt. 1860 übernahm Johann Maresch das Geschäft unter eigenem Nahmen „Johann Maresch, Aussig/Böhmen“, dessen Leitung er bis 1890 innehatte.
Johann Maresch ist wohl ein recht umtriebiger Mensch gewesen. 1848 scheint er „einiges für das Erwachen der Bürger und Bauern in unserer Gegend getan haben“. An allen freiheitlichen Bestrebungen nahm er lebhaften Anteil. Er war Mitbegründer des „Aussiger Anzeigers“ und Mitglied der Bezirksvertretung. In dieser Zeit entstand der Ausbau der Straßen nach Wannow und Salesel sowie nach Prödlitz und Herbitz . Aussig zählte zu dieser Zeit knapp 7000 Einwohner. Die Entwicklung der Fabrik wurde von ihm weitergetrieben. In den siebziger Jahren entstand ein neuer Brennofen für „Thierköpfe“, ein in der damaligen Zeit beliebter Gegenstand zur Zierde in den bürgerlichen Gärten.
Johann hatte mit seiner Frau 10 Kinder, Ferdinand wurde als erster Sohn 1854 geboren. Er muss sich wohl recht früh schon für das Geschäft und den Betrieb interessiert haben. Nach dem Besuch der neu eröffneten Gewerbeschule schickte ihn sein Vater nach Dresden in eine „Anstalt mit streng militärischer Zucht“ zur Ausbildung in Handelsfächern und Sprachen. Nach einer Lehre und anschließender weiterer Tätigkeit bei dem angesehenen Aussiger Kaufmann F.A. Wagner nahm in sein Vater 1873 in die Firma auf. Diese war zu damals wohl nicht besonders auf der Höhe, die Einrichtungen waren schlecht, der Absatz gering.
So ging Ferdinand Maresch (1854 – 1940) im Juni 1876 für ein Jahr nach Brüssel und sammelte Erfahrungen bei einem Großhandelshaus für Glas, Porzellan und Majolika. 1877 in die Heimat zurückgekehrt, verwertete er diese Erfahrungen und reiste für das väterliche Unternehmen, das durch seine Tätigkeit neuen Aufschwung gewann. Daneben fand er jedoch noch Zeit für die Mitgliedschaft im Turnverein und der Feuerwehr, wobei die Gründung des „Ruder- und Eislaufvereines von 1874“ zu seinen besonderen Verdiensten gezählt wird.
1881 heiratet Ferdinand Maresch Emma, eine von vier Töchtern des Ferdinand Georg Richters. Durch die Verehelichung dieser Töchter in die Familien Kroitzsch, Fitz und Hübl sowie die Heirat seiner Schwestern in bedeutende Aussiger Familien, so z.B. Blaha und Wagner, sowie seiner Tochter Magdalene mit dem Fabrikantensohn Hans Carl Hermann Wolfrum wurden die Mareschs mit vielen bedeutenden Familien Aussigs verbunden.
Die Entwicklung der Fabrik geriet unter der Leitung Ferdinands zu ungeahnter Höhe. Ihre Produkte waren in ganz Europa und bis nach Übersee begehrt und beliebt. Gerade in die Zeit des Jugendstils passten Dinge wie Tabakdosen, Federkielhalter und Tintenfässer aus Siderolith. Besonderen Ruf hatten jedoch seine Majolikavasen – und seine überall und heute noch so beliebten Gartenzwerge. Wir müssen uns leider damit abfinden, dass weder Johann Maresch noch Adolf Bähr diese lustigen Gesellen erfanden, aber Ferdinand machte daraus die schönsten und besten, den Mercedes unter diesen zwar unnützen, aber überaus hübschen Kerlchen. Ursprünglich um 1870/1880 in Thüringen als Abbildung von wohlhabenden Bergleuten entstanden, mehrten die Produkte Ferdinands den Ruf der Firma (in normalen Zeiten hatte sie 120 bis 140 Arbeiter) und die Wohlhabendheit des Besitzers. Im Zuge dieser Entwicklung war er maßgeblich an der Entwicklung der ehemaligen Braubürgerschaft beteiligt, die in die „Aussiger Bürgerliches Bräuhaus AG“ umgewandelt wurde, deren Verwaltungsrat er ab 1893 wurde. Am Ankauf der Braustätte in Schönpriesen hatte er hervorragenden Anteil und war ab 1912 Vorsitzender des Verwaltungsrates. Es ist bemerkenswert, dass diese Brauerei als „Zlatopramen“ auch heute noch existiert und seit 2005 die wiedererstandene Vorzeige- und Ausflugsgaststätte „Ferdinandshöhe“ bewirtschaftet.
1884, mit dreißig Jahren, wurde Ferdinand Maresch (1854 – 1940) in die Gemeindevertretung der Stadt Aussig gewählt, der er ununterbrochen bis 1919 angehörte. In dieser Zeit hat er an der Lösung aller wirtschaftlichen und kulturellen Aufgaben der Stadt mitgearbeitet. Alles, was zum Vorteil der Stadt deren Entwicklung unterstützte, hatte er lange Jahre als Vorsitzender des Finanzausschusses – gewissermaßen als Finanzminister der Stadt – zu wahren. Nachdem unter seiner Mitwirkung die großen Grundflächen des Kleischer Meierhofes und viele Privatgrundstücke in den Besitz der Stadt gelangt waren, boten letztere Raum für ein neues Industrieviertel, kam die Schaffung einer Industriebahn zustande, wurde die Ansiedlung neuer Industrien begünstigt. Als Stadtrat führte er die Verhandlungen mit einer Reihe von Unternehmungen, so dass sich in der Folgezeit Firmen aus Magdeburg, Pirna, Leipzig und anderswo her ansiedelten.
Durch die Befürwortung und Unterstützung, ja das Betreiben der Ankäufe vor allem der Kleischer Meierei, aber auch des Predlitzer Meierhofes 1917 sowie dem Ankauf großer Waldstrecken gegen Qualen zwischen 1893 und 1904 wurde die Stadt Eigentümerin eines so bedeutenden Landbesitzes, dass deren Entwicklung dadurch sogar noch zur heutigen Zeit davon profitieren konnte. Ohne seine Tat- und Überzeugungskraft gäbe es wahrscheinlich heute weder Kleische noch Prödlitz in ihrer Bedeutung als wichtige Stadtteile von Aussig.
Seine Verdienste noch mehr im Einzelnen aufzuzählen, würde den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen, aber erwähnenswert ist, dass durch seine Stellungnahmen und Unterstützungen das gesamte Verkehrssystem im Aussiger Umland maßgebend beeinflusst wurde. Als Mitglied im böhmischen Landtag, dem er von 1903 bis 1918 angehörte, setzte er sich für die Regulierung der Elbestrecke Wegstädtl – Aussig ein. Die Erbauung des Städtischen Elektrizitätswerkes und der Ausbau der elektrischen Straßenbahn sind eng mit seinem Namen verknüpft. In der Stadt wurde sogar die Strecke Hauptpost – Staatsbahnhof durch die Kleine Wallstraße nach ihrer Fertigstellung scherzhaft „Ferdinandsbahn“ genannt.
Er war Mitglied des Ausschusses der Aussiger Sparkasse und wurde Kurator der Böhmischen Sparkasse, Prag.
Jedoch nicht nur in der Wirtschaft, auch in der Kultur war die Mitarbeit von Maresch zu spüren. Die Schaffung der „Höheren Handelslehranstalt“ bzw. deren Übernahme in das Eigentum der Stadt gehört zu seinen Verdiensten. 1893 war Aussig bereits eine Stadt mit 23.000 Einwohnern. Ein Gymnasium, eine Realschule und eine Staatsgewerbeschule folgten, wodurch Aussig zu einer bedeutenden Schulstadt wurde. Vielleicht ist hierin sogar der Ursprung dafür zu finden, dass Aussig heute sogar eine bedeutende Universität beherbergt.
Die Erbauung des Stadttheaters und der Volksbücherei mit Lesehalle in den Jahren 1909 und 1912, auch darum hat er sich verdient gemacht. Nicht vergessen werden darf heute, dass er ab 1924 für lange Jahre der Obmann der Museumsgesellschaft wurde.
Obmann des Ausschusses zur Errichtung des Stadtbades, Obmann des Aussiger Volkswohlvereins, durch den 10 Volkswohnungshäuser errichtet wurden, Präsident des Vereins „Heilanstalt Spiegelsberg“, aus dieser Aufzählung ist zu ersehen, wie viel Gutes Ferdinand Maresch für seine Heimatstadt tat. In einer Übersetzung aus dem Tschechischen wurde er als „Vereinsmeier“ bezeichnet. Solche Vereinsmeier könnten wir heute noch gut gebrauchen!
 
1911 wurde er Ehrenbürger der Stadt, und seine Geburtstagsfeiern schon zum 70., aber auch zum 75. und zum achtzigsten Geburtstag brachten die Wertschätzung seiner Person zum Ausdruck. 1. Bürgermeister wie sein Großvater wurde er nie, aber wie dieser setzte er sich fast ein halbes Leben lang unermüdlich für sein Aussig ein. Damit darf man ihn wohl als den Größten in der Familie Maresch, aber auch als einen Großen unter den Fabrikanten unserer Stadt bezeichnen. Sogar nach dem Tod seines Sohnes und Nachfolgers Wolfgang hat er im hohen Alter von 83 Jahren nochmals in die Geschicke der Firma mit eingegriffen, die nach seinem Tod im Sommer 1940 von der Familie, vor allem von seinem zweiten Sohn Dr. Walther Maresch bis zur Bombardierung weitergeführt wurden.
65 Jahre nach dem Tode von Ferdinand Maresch kann man heute noch in Liebhaberkreisen seine Ton-Schöpfungen zu teilweise horrenden Preisen finden. Immer wird dann unsere Stadt erwähnt, in deutsch oder in tschechisch. Wenige Städte haben einen solchen Werbeträger, und kaum einer unserer alten Industriellen hat seinen Namen so in das neue Jahrhundert gebracht wie Maresch. Das i-Tüpfelchen jedoch war die Veranstaltung der Stadt Ústí nad Labem für seinen ehem. Mitbürger und prägenden Stadtrat Ferdinand Maresch zu dessen 150. Geburtstag, als im Jahre 2004 die „Zwergen-Ausstellung“ im Städtischen Museum gezeigt und im Sommer das „Zwergenfest“ zu seinem Andenken gefeiert wurde

Quellen: Franz Josef Umlauft: Geschichte der deutschen Stadt Aussig, 1960 Hilfsverein Aussig e.V. München
Aufsätze von Dr. Marian, ehem. Stadtarchivar von Aussig
Stadtarchiv von Ústí n. L./Aussig a. d. E. mit Hilfe seines Direktors Dr. Vladimir Kaiser
Tagebücher des Ferdinand Maresch sowie Erinnerungen aus der Familie.