Heimatfreunde Aussig

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Lack- und Farbenfabrik Ant. Seiche, Aussig an der Elbe

von Lore Schretzenmayr, geb. Schiepeck

 
Mein Thema ist  die Entwicklung der Industrie im Gebiet Aussig anhand der Lack- und Farbenfabrik Ant. Seiche, der Familie meiner Mutter und deren Verbundenheit mit der Stadt. Die Vorfahren sind bereits im 16. Jahrhundert am Fuße des Erzgebirges nachzuweisen.
Vor etwa 150 Jahren wagten zwei Brüder aus der Pfarrei Kulm den Sprung in die Stadt Aussig und wurden Handelsschiffer. Die aufstrebende Industrie ermutigte sie, auf der Elbe ihr Glück zu suchen. Die neuen Wohnorte bezeichneten auch in der Zukunft die Familienzweige: „Elbstraße“ und „Große Wallstraße“, zur letzteren gehöre ich. Um diese Zeit wurde das Rathaus am Marktplatz gebaut und darin auch das Gefängnis der Stadt eingerichtet. Die sogenannte „Fronfeste“ an der Stadtmauer wurde frei und mein Urgroßvater konnte sich den Erwerb leisten.
Die beiden Söhne Anton und Ferdinand Josef bekamen im nahen Teplitz eine Ausbildung als Drogisten und haben sich auf dem elterlichen Grund, Große Wallstraße 88, im Alter von 21 und 23. Jahren 1881 mit dem Namen „Lackfabrik Ant. Seiche“ selbständig gemacht.
Die Entwicklung der Stadt Aussig zum Industrie-, Verkehrs-, Wirtschafts- und Handelszentrum fällt in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Voraussetzungen waren durch die neue Verkehrsverbindung  (Eisenbahn und Schifffahrt) und billige Energiequellen (Kohle und Bergbau) gegeben. Auch die junge Firma konnte die Entwicklung mithalten. Im Jahre 1901 arbeiteten schon 14 Angestellte und Arbeiter.
1906 starb Anton, der einzige Sohn Rudolf wurde ausbezahlt und Ferdinand Josef führte die Firma allein weiter. Er hat schon 1894 eine Reise  zu auch aus Auschine stammenden Verwandten nach Hildesheim in Preußen unternommen und nach  seiner Rückkehr in die Heimat  um die Hand der jüngsten Tochter Karoline Dorothea angehalten. Die Ehe wurde in Hildesheim evangelisch geschlossen. Die Kinder Helene, Otto, Elisabeth und Elfriede wurden in diesem Glauben erzogen und auch die Nachkommen blieben nur aus dieser mütterlichen Linie evangelisch.
Die Familie übersiedelte in das um die Jahrhundertwende errichtete Mehrfamilienhaus „1900“ in der Großen Wallstraße gegenüber dem Gymnasium. Schon im Jahre 1906 wurde eine Villa mit zwei Wohnungen  und einer Hausmeisterwohnung in der Kulmer Straße gebaut. Der große Garten hinter dem Haus reichte bis nach Lerchenfeld, teils als Gemüsegarten, zum größten Teil mit Obstbäumen bepflanzt.
Auf die Erziehung der Kinder wurde großer Wert gelegt, alle besuchten die Evangelische Volksschule in der Margaretenstraße. Helene absolvierte die Höhere Töchterschule und wurde 1913 in ein Pensionat nach Lausanne geschickt, um Französisch zu lernen. Ihr Vater hatte Schwierigkeiten, sie 1914 bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges nach Aussig, damals noch Österreich-Ungarische Monarchie, zurückzuholen. Sie legte an der Deutschen Karls-Universität in Prag die Lehramtsprüfung in französisch und englisch ab.
Otto besuchte die Staatliche Realschule in der Schillerstraße und kam 1918 als Leutnant aus dem Krieg zurück. Er wurde Kaufmann im elterlichen Betrieb.  
Die Produktpalette der Fabrik wurde ständig erweitert: Die Lieferungen von Lacken und Farben für Handwerk, Industrie und Behörden erfolgten in das ganze Land; Außenverkaufsstellen wurden eingerichtet. Während des Ersten Weltkrieges (1914-1918) litt die Firma wie die gesamte Wirtschaft unter dem Engpass der Rohstoffe.
Mit der Gründung der Tschechoslowakischen Republik am 28. Oktober 1918 wurde der Handelsverkehr mit den übrigen Ländern der Monarchie unterbrochen. Für die Firmenentwicklung brachten die 20er Jahre große Umstellungen, wirtschaftliche Verluste und den Preissturz im Jahre 1923. Vom Steueramt wurden hohe, offensichtlich unaufbringliche Steuernachzahlungen für die Kriegsjahre vorgeschrieben. Im Jahre 1931 verursachten die unruhigen politischen  Verhältnisse und die Wirtschaftskrise den unerwarteten Verlust der Staatslieferungen.
Die Firma beschäftigte sich mit der Erzeugung und Handel von Lack, Firnis, Farben, Kitten, Pflanzenleim, Simililacken für die Gablonzer Schmuckindustrie und verwandten Produkten. Im Jahre 1935 waren es bereits über 60  Angestellte und Arbeiter. Das Hauptbüro und die Verwaltung waren in der Großen Wallstraße. In den 20err  Jahren wurde ein Fabrikgelände in Schönpriesen ausgebaut. Zu den einzelnen  Fabrikgebäuden führten gut ausgebaute, vorwiegend gepflasterte Straßen. Das Fabrikgelände war durch einwandfreie Kanalisation entwässert und mit zwei Strängen an das städtische Kanalnetz angeschlossen und wurde ständig durch neue Objekte erweitert. Das Gesamtflächenausmaß betrug 15.725 qm.
Im Jahre 1930 standen dem Unternehmen 44.600 qm eigener Grund zur Verfügung. Die flüssigen Rohstoffe wurden in Großtanks von zusammen 90.000 l Fassungsvermögen gelagert. 80.000 kg fertiger Lack war ständig vorhanden. Laboratorien überprüften laufend unter sachkundiger Leitung die Qualität der eingehenden Rohstoffe, den Gang der Fabrikation und schließlich mit besonderer Sorgfalt den richtigen Ausfall der Fertigfabrikate.
Bis etwa 1929 stand  für die Belieferung der Aussiger Kundschaft und des Teplitzer Lagers  ein Pferdegespann zur Verfügung. Danach kam der erste  LKW, das war damals eine große Sensation, außerdem konnten die Nebenstellen rascher bedient werden. Erfreulich für die Vertreter war auch, dass ihnen zeitweise für ihre Reisen ein PKW - Skoda mit Chauffeur zur Verfügung gestellt wurde.
Die reinste Goldgrube war der Detailverkauf. Besonders an den Wochenmarkttagen stand die Kundschaft, vornehmlich vom Lande, förmlich Kundschaft und sagte:  „Seiche-Lacke sind die besten, streiche mit Seiche“
Mit dem betrieblichen Aufstieg veränderte sich auch die gesellschaftliche und soziale Stellung der Familie.
Ferdinand Josef war ein sehr geselliger Mann, als angesehener Bürger der Stadt war er in vielen Vereinen und bei Stammtischen. Im Schützenverein war er Vorsitzender und Bilder zeigen ihn mit der großen Kette als Schützenkönig. Jeden Morgen war er zum Frühschoppen in dem Delikatessengeschäft Gebelt am Marktplatz, um sich mit Persönlichkeiten der Stadt zu treffen. Seine jährliche Urlaubsreise führten ihn bis nach Abbazia (heute Opatija) oder auch zu Kuraufenthalten ins Egerländer Bäderdreieck. Er  hatte einen großen Familiensinn und organisiert 1935 als Senior das erste Seiche-Treffen in dem Herkunftsort Auschine/Pfarrei Kulm mit ca. 250 Teilnehmern.
1935 baute er in Thammühl am See eine Sommervilla für alle Kinder und Enkelkinder. Die Aufenthalte gehören noch heute für alle zu den schönsten  Ferienerlebnissen. Wir hatten ein Segel- und ein Paddelboot, wurden von Köchin und Kinderfräulein betreut, während unsere Eltern größere Reisen unternahmen.
Ferdinand Josef starb im Dezember 1936; seine Frau Karoline Seiche überlebte das Kriegsende, wurde 1946 nach Hessen ausgewiesen und starb am 4. Juli 1957 in Regensburg.
Und die anderen Familienmitglieder ?
1924 heirateten unsere Eltern. Dipl.-Ing. Josef Schiepeck, geboren in eine Egerländer Familie in Aussig, und Helene Seiche. Unser Vater trat als Chemiker in die Firma ein und wurde mit seinem Schwager Otto Seiche Teilhaber. Unsere Eltern hatten einen großen Bekannten- und Freundeskreis und vielseitige Interessen. Sie spielten im Laientheater, die deutsche Bühne. Detaillist und Lackmagazin-Verwalter fanden an solchen Tagen kaum Zeit zum Frühstück. Mein Großvater war stolz auf diese Detail-Verkaufserlöse. Oft kam er aus seinem Büro, unterhielt sich mit der............ . Erlöse bekamen soziale Einrichtungen, trieben Sport (Tennis, Rudern und Skilaufen), besuchten kulturelle Veranstaltungen. Unser Vater war Mitglied in vielen Vereinen: Gebirgsverein, Deutscher Turnverein, Aussiger Ruder- und Eislaufverein, Vorsitzender des Rotary-Clubs und des Lawn-Tennis-Clubs.
Wir Kinder Lore, Eva und Annelies wurden sportlich erzogen und wuchsen im Kreise der großen Familie und mit den Kindern der Freunde auf.
Die Ehepartner von Otto, Elisabeth und Elfriede Seiche stammten aus alten Aussiger Familien.

Otto Seiche und unser Vater blieben nach dem Tod des Seniors bis Kriegsende die einzigen Gesellschafter der Firma.

Am 1. Oktober 1938 war der Anschluss an das Deutsche Reich. Durch die neue Grenzziehung wird das Unternehmen von einem großen Teil des bisherigen Absatzgebietes abgeschnitten. Dafür tut sich nun der große deutsche Markt auf, in den die Firma zwar bestens gerüstet, aber doch mit vielen Erschwernissen eintritt.
Am 1. September 1939 beginnt der 2. Weltkrieg. Die Kriegswirtschaftsbestimmungen treten in Kraft. Trotz Rohstoffmangel belieferte die Firma kriegswichtige Industrien.
Im Jahre 1941 meldet sich Josef Schiepeck freiwillig als Offizier zur Deutschen Wehrmacht. Otto Seiche blieb in Aussig, um die Firma zu führen. Die Firmenverwaltung in der Großen Wallstraße und die Fabrikanlagen in Schönpriesen wurden bei den Fliegerangriffen im Frühjahr 1945 nicht zerstört.

Am 8. Mai 1945 war der Krieg zu Ende. Aussig wurde von den Russen besetzt und ein nationaler  Verwalter wurde durch die tschechischen

Behörden in der Firma eingesetzt. Otto Seiche blieb bis 1946 als Spezialist in der Fabrik. Unser Vater war in dieser Zeit nicht in Aussig.

Wir, unsere Mutter, beide Schwestern und ich wurden in der ersten Welle, in der sogenannten „wilden Vertreibung“ ausgesiedelt. Wir landeten nach vier Wochen im Bayerischen Wald bei Freunden und trafen dort unseren Vater.
1947 konnte er mit Hilfe von Aussiger Freunden und früheren Mitarbeitern die Regensburger Lackfabrik GmbH erfolgreich aufbauen. Der erste Lackansatz wurde von Camillo Rotsch angerührt, dessen Familie seit Generationen, schon unter unserem Großvater in Aussig gearbeitet hat. Nach dem Tod unseres Vaters im Jahre 1963 übernahm meine Schwester Eva Gey, geborene Schiepeck, die Geschäftsleitung der Fabrik. 

Die heimatliche Verbundenheit in den Nachkriegsjahren hat diesen Wiederaufbau ermöglicht.