Die Besitzer von Kleische

Ausschnitte aus dem Heimatbuch 3. Teil, von Eduard Wagner.

Ueber die genaueren Besitzverhältnisse im 14. Jahrhundert sind noch im unklaren.
Urkundlich gehörte Kleische den Johannitern. Ihr einst so großer Besitz war auffallend rasch zusammengeschmolzen. Im Elbetal unterhalb Aussigs gehörte ihnen kein Dorf mehr; der große Wald, den ihnen König Wladislaw 1169 bestätigt hatte, war in anderen Händen; auf Herbitz saß Heinrich von Mühlen, ein Lehensmann deren von Kolditz auf Bilin und Graupen, und auf Kleische.
a) Anna von Kolditz.
Wann sie das Gut Kleische übernommen hat, ist nicht festzustellen. Es ist nur eine Urkunde vorhanden, in der Heinrich von Neuhaus, der Grandprior des Ordens, am 17. Juni 1418 nachträglich bekennt, daß er der Anna von Kolditz die Dörfer Predlitz, Kleische u. a. auf Lebenszeit für 265 Schock überlassen habe.
Die Familie Kolditz stammte aus dem benachbarten Meißen und nannte sich nach der an der Zwickauer Mulde gelegenen Stadt Kolditz. Sie war nach Graupen gekommen, hatte dort den Bergbau zu hoher blüte und sich zu großem Reichtum gebracht.
Timo der Erste war bereits im Jahre 1330 Herr der Lehensherrschaft Graupen.
Timo der Zweite wurde am 17. März 1368 öffentlich mit dem Meißnerischen Besitz (Stadt Kolditz und 52 Dörfer) belehnt. Zur Herrschaft Graupen gehörten 1380 außer Graupen die in unserer Gegend gelegenen Dörfer Karbitz, Türmitz, Dubitz, Ebersdorf, Schöbritz, Herbitz. Einzelne waren als Afterlehen an Edelleute vergeben, die im Dienste derer von Kolditz standen.
Anna von Kolditz, Witwe von Timo II. von Kolditz auf Graupen, übte 1418 und 1423 noch das Besetzungsrecht an der Predlitzer Pfarrkirche zu St. Laurenz aus, dann hören wir nichts mehr von ihr.
In den Wirren der Hussitenkriege, die Orte und Herrschaftsverhältnisse zerstörten, wurde das Gut Kleische, das gleich Aussig großen Schaden erlitt, herrenlos. Diesen Zeitpunkt benütze
b) Johann von Wartenberg
auf Blankenstein, dessen Besitz an einen Teil des Gutes Kleische grenzte, und bemächtigte sich seiner. Er behielt es bis 1454. Am 7. Feber d. J. mußte er dem Könige die sieben Johanniterdörfer herausgeben, weil er deren rechtmäßigen Besitz nicht nachweisen konnte. Aus der diesbezüglichen Urkunde erfahren wir auch die Namen der 7 Dörfer genau; es waren Lewina (Lieben), Rodysina (Gratschen), Klise (Kleische), Predlice (Predlitz), Uzezd (Böhmisch Neudörfel, Habrovice (Johnsdorf) und Zbanov (Bohna).
C. Jahnel weist (Prag. Mitt. 1900, S. 58) besonders darauf hin, daß nach der erwähnten Urkunde bloß vier von den sieben Dörfern Zins zahlten - zu Galli 52 1/2 Schock Groschen, zu Ostern Eier, zu Weihnachten Hühner. Drei zinsten nicht; sie waren wahrscheinlich im Hussitenkrieg zerstört worden. E. Richter (Beiträge z. Heimatkunde d.A.K.B. 1921, S. 20) ist der Ansicht, daß drei Dörfer, die ihrer Zinspflicht nicht nachzukommen vermochten, Kleische, Predlitz und Böhm.-Neudörfel waren, die in unmittelbarer Nähe des Schlachfeldes auf der Bihana lagen, niedergebrannt wurden und wohl für lange wüst geblieben sind.
Es hat den Anschein, daß König Ladislaus, bezw. Georg von Podebrad die den Wartenbergern entzogenen Güter nicht den rechtmäßigen Besitzern, d. i. den Johannitern, zurückgegeben hat, sondern sie als heimgefallenes königliches Lehen betrachtet und in Teilen weiter vergab.
Hiebei kam das Rittergut Kleische mit Lieben und Gratschen an Bernhard Glatz von Althof, aber jedenfalls nur als persönliches Lehen, das nach dem Tode des Inhabers wieder an den König zurückfiel.
Tatsächlich sind 20 Jahre nach Bernhards Tode die 7 Dörfer wiederum als königliches Lehen im Besitze der Johanniter. Sie beeilten sich, den ihnen von König Ferdinand zurückgegeben Besitz schnell in klingende Münze umzusetzen und verkauften ihn. Über diesen Verkauf ist eine Urkunde vorhanden. Sie wurde am 10. Oktober 1547 in die Landtafel eingelegt. Wir entnehmen ihr: Der Grandprior und der Konvent der Mutter Gottes auf der Kleinseite bei der Brücke verkaufen mit Bewilligung König Ferdinads ihr Lehensgut, die Dörfer Przedlicze, Klysse, Hawrowiecze, ?aniow, Augezdecz, Hradessin, Lowni mit dem Teil des Berges, der Barek heißt, mit dem Flusse bei Predlitz,der Mühle in Predlitz und der unter Bokau, welche die Markowische heißt, mit dem Patronat von St. Laurenz (bei Herbitz) dem
Jarosch Kölbel von Geysing
und seine Erben für 1750 Schock Groschen. König Ferdinand entließ das Gut aus der Lehenspflicht und machte es zu einem freierblichen.
Damit war der letzte Rest des ehemals so ausgedehnten Johanniterbesitzes in der Umgebung Aussigs aus den Händen des Ordens gekommen. Wie es nun zugegangen ist, daß Kleische neuerdings im Besitze der Familie Glatz von Althof erscheint, konnte bisher nicht festgestellt werden. Jahnel berichtet den auffallenden Umstand, daß die Eintragungen in den Aussiger Stadtbüchern von 1550-1565 den Johann Glatz nicht als Besitzer des Gutes "auf Kleische", sondern nur als "in Kleische" wohnhaft bezeichnen, während doch sein Sohn Adam erklärt, er habe das Gut von seinem Vater ererbt und auch am 9. April 1565 als "auf Kleische" sitzend bezeichnet wird.
Vielleicht hat auch Johann das Gut direkt für seien Sohn erworben. Übrigens muß Kleische ein Teildorf gewesen sein, denn Otto Kölbel auf Kulm besaß dort, zur Lebenszeit des Adam Glatz, bereits in den Jahren 1572 und 1574 Untertanen.
(Im Stadtbuch II, S. 184, ist unter dem 29. Oktober 1572 eingetragen: Eine Anzahl von Personen von Aussig, Bensen, Sandau i. a. O. bekennen, daß ihnen Otto von Kölbel als Erbherr Ihres verstorbenen Vetters und Ohms Gregor Hoch "zu Kleisch" auf Fürbitte aus dessen Nachlass 50 kleine Schock ausgezahlt hat. - In dem Vertragbuche 9 ist zu finden: 1574, 8. Oktober, Nicol Diele zu Kleische erscheint auf Nachlassung und im Beisein Kölbels in Aussig vor Gericht.)
Die Glatz von Althof
waren die einzigen Besitzer Kleisches, die im Orte selbst wohnten; deshalb soll diese Familie etwas eingehender betrachtet werden.
Woher sie stammte, ist nicht nachweisbar. Es sind darüber wohl mancherlei Ansichten ausgesprochen worden, doch reichen sie nicht über das Gebiet der Vermutungen hinaus. Zu Anfang des 15. Jahrhunderts finden wir die Glatz in Graupen ansässig, wo sie sich an dem Wiederaufbau der 1429 von den Hussiten zerstörten Stadt in hervorragender Weise beteiligten.
Der Vertreter der Familie war zu jener Zeit Hans Glatz, der in dem ältesten der vorhandenen Stadtbücher von Graupen oftmals genannt wird. Er muß ein tüchtiger Hauswirt und ein kluger Geschäftstmann gewesen sein, dem die allgemeine Not der Zeit nichts angetan hat; er erwarb wichtige Berggerechtigkeiten, kam zu Reichtum, machte sich von zeitweiligen Schulden rasch wieder frei und vermochte sich selbst, aber auch anderen zu helfen.
Wir finden ihn bald als Zeugen, bald als Schiedsrichter, bald als Vormund, bald als Schöppen der städische Gerichtsbank.
In seinem Testamente, das 1444 in das Stadtbuch von Graupen eingetragen wurde, stiftete er ein "ewig Seelengerät", d. i. eine Seelenmesse, alljährlich zu lesen in der Pfarrkirche zu Graupen und setzte dafür ein Seifenwerk (Erzwerk) unterhalb der Stadt zum Pfand. Dem Spittal in Graupen überwies er die gewiß bedeutende Summe von 100 Schock Groschen gleichfalls zu einer Seelenmesse.
Zu seinem Besitzstande gehörten Mühlen und Hütten oberhalb und unterhalb Graupens, wie auch an der Müglitz dem kleinen Wasser, das vom Ebersdorf nach Sachsen fließt, woran die Graupner ihre Pochwerke und Schmelzhütten hatten. Als da, wo heute Altenberg steht, neue Zinnlager entdeckt wurden und der Bergbau großen Umfang gewann, beteiligte sich Hans Glatz neben anderen Graubner Familien eifrig an der Gründung des neuen Ortes; denn zu seinem Besitztum gehören nun auch "etliche Teile, Hütten und Mühlen auf dem Altenberg".
Von besonderer Bedeutung für den Namen des Geschlechts wurde die Erwerbung jenes Vorwerkes, das auf dem Wege von Graupen nach Mariaschein auf der "Blöße" lag und der "Alte Hof" oder "Althof" genannt wurde. Es war eine kleine Burg, die zur Befestigung gehörte und im Jahre 1429 den Hussiten zum Opfer fiel. Einige Jahre später ist der Althof im Besitze des Martin Hengst aus Graupen, der ihn von dem Herrn Graupens, Albrecht von Kolbitz, gegen einen jährlichen Grundzins erworben und einigermaßen wieder aufgebaut hat.
Als der alte Martin Hengst gestorben war, kam der Hof an dessen Söhne Lorenz und Peter; diese traten ihn an Hans Glatz ab. Im Stadtbuche (I, S. 585) ist unter dem 24. Juli 1452 eingetragen, daß Hans Glatz die beiden Brüder zur Gänze bezahlt hat.
Aus dem Mitgeteilten können wir ersehen, daß das Leben des Herrn Hans Glatz gesegnet war, wenngleich manchmal auch schlimme Zeiten mit den guten wechselten. Er hatte 5 Kinder.
Die erst Frau, deren Name bisher nicht zu ermitteln war, schenkte ihm einen Sohn, Georg, und zwei Töchter, Apollonia und Elsa; die zweite Frau, Katharina, gebar ihm die Söhne Hans und Lorenz. Der alte Glatz, starb im Jahre 1450. - Am 13. August des genannten Jahres erschien die Witwe Katharina und verglich sich vor der "gehegten Dingbank" mit dem Stiefsohne Georg und ordnete das Besitztverhältnis der anderen vier noch unmündigen Kinder. Georg Glatz trennte sich von der Familie, wohnte allein in einem Hause neben der Pfarrei, förderte fleißig Zinn in seinen Bergteilen, bestellte mit Vorliebe seinen Garten, saß im Schöppenstuhle der alten Bergstadt und machte sich seinen Nachbarn als Pate, Bürge, Zeuge, Vormund u.s.w., nützlich. Er hinterließ keine Nachkommen. Katharina, die Witwe blieb und weiterhin kurz die "alte Glatzin" genannt wurde, bewohnte den Althof und erzog ihre Kinder in der Furcht des Herrn.
Die älteste Apollonia, heiratete später den Herrn Buschek von Sullowitz, die jüngere Else, vermählte sich mit Siegmund Burgsdorf; der Erste war in Böhmen, der Zweite in Sachsen begütert. Beide Verbindungen brachten Unfrieden in die Familie Glatz. Im Jahre 1468 erscheint der Sohn Hans großjährig. Einige Zeit danach erhielt die Familie eine besondere Auszeichnung. Auf dem Reichstage in Regensburg - 1471 - fertigte Kaiser Friedrich III. für die Brüder Georg, Hans und Lorenz Glatz und der ehelichen Leibeserben einen Wappenbrief aus, mit dem die Genannten in den erblichen Adelsstand erhoben wurden. Sie erscheinen von da an mit dem Zusatze "von Althof" und zeigen sich als wohlachtbare Mitglieder des reichsdeutschen niederen Adels.
Das Wappen (Hof-und Staats-Archiv Wien de annis 1471-73) selbst, das der kaiserliche Brief ausführlich beschreibt, ist außerordentlich merkwürdig: Auf einem weißen Schilde befindet sich ein grün-gelbes, bärtiges Gesicht mit geschlossenen Augen, um die Stirn eine weiße fliegende Binde; an jeder Seite von den Ohren auf je ein rot ausgetaner Flug. Der Helm ist mit einer roten und weißen Helmdecke geziert, aus ihr entspringt ein gelb-behartes Brustbild in Weiß gekleidet, mit grünem Angesicht, fliegenden Binden und Flugen. Es ist sehr zu bedauern, daß alle näheren Angaben über die Ursachen der Standeserhöhung, wie über die Bedeutung des Wappens abhanden gekommen sind. Die weiße Binde und das grün-gelbe Gesicht lassen die Vermutung zu, daß sich ein Vorfahr der Glatz in den Türkenkriegen besondere Verdienste erworben hat. Das Wappen ist auf der Grabplatte des Bernhard Glatz an der Außenseite der Stadtkirche erhalten.
Als Lorenz, der jüngste Spross der Familie, mündig geworden war, schloß er mit seinem älteren Bruder Hans am 29. Juli 1474 einen Vertrag, nach welchem sich beide gegenseitig ihr Hab und Gut verschrieben für den Fall, daß einer oder der andere sterben sollte; Frau Katherina, deren Besitz bisher mit dem der Söhne vereinigt war, erhielt ihren Teil in eigener Verwaltung, die Töchter hatten ihre Mitgift erhalten, somit schienen die Verhältnisse auf beste geordnet. Trotzdem kam es in der Folge zu allerlei langen Streitigkeiten.
Georg Glatz, nunmehr von Althof, hatte mit seiem Nachbar, dem Stadtpfarrer, wegen verschiedener Bauveränderungen mancherlei böse Auftritte; schließlich verkaufte er das Haus, ein paar Monate vor dem großen Stadtbrande vom 11. September 1479, baute sich ein neues, verkaufte es 1485 ebenfalls, ging dann auf eine Romfahrt, kehrte wohlbehalten zurück, saß 1487 noch einmal im Graupner Ratsstuhle, muß aber bald danach gestorben sein, weil sein Name nicht mehr genannt erscheint. In dem Testamente vom Jahre 1485 setzte er seine einzige Tochter namens Rosa zur Erbin des Vermögens ein.
Apollonia, die Schwester Georgs, starb frühzeitig und ihr Anteil an dem Glatzischen Vermögen überging an ihren Mann Buschek von Sullowitz und dessen Bruder und Vetter. Diese hatten aber für den Bergbau kein Verständnis und beeilten sich, den Besitz zu veräußern. Dagegen erhoben die anderen Mitglieder der Familie Glatz selbstverständlich Einspruch; es kam zu Streitigkeiten, die erst 1483 ihren Abschluss gefunden haben.
Elsa, die zweite Schwester Georgs, verlor ihren Mann Sigmund Burgsdorf bereits 1472, verheiratete sich zwei Jahre später mit Siegmund Küchenmeister, schenkte ihm einen Sohn Johann und schied 1480 aus dem Leben. Auch dieser Zweig der Familie spielte keine Rolle mehr.

Fortsetzung folgt!