Unvergessene Erinnerungen an ein Leben im westlichen Aussiger Industriegebiet.

 
 

Ein Bericht von unserem Heimatfreund Herbert Lorenz
(herbertlorenz@gmx.net)

 
 

Pagemaster Karl Heinz Kralowetz, München
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Als damals junger Bewohner, des westlich vom Stadtkern gelegenen Industriegeländes der Stadt Aussig, (auch Industrie Viertel genannt) möchte ich einige Erlebnisse und Erinnerungen aus meiner Kinder und Jugendzeit aus den 20er, 30er und 40er Jahren bis Kriegsende zu Papier bringen.

Es sollte nicht vergessen werden, dass bereits vor 150 Jahren der enorme wirtschaftlichen Aufschwung dieses großen Industriegebietes begann. Die vielen kleinen und größeren Unternehmen und vor Allem bedeutende, nennenswerte Fabriken, welche sich nach dieser Zeit bis ins zwanzigste Jahrhundert ansiedelten, haben dadurch unsere Heimatstadt geprägt, und weit und breit bekannt gemacht. Man machte sich die darauffolgenden vielen Jahre und noch bis vor kurzem, kaum Gedanken darüber, dass doch Tag und Nacht durchgehend Industrielärm, rauchende Kamine mit Ruß und giftigen Gasen die Umwelt bis hinein in die Stadt auf das Höchste belasteten. Und wer im ganzen Umkreis dachte damals schon daran, dass mitten drin, Menschen in großen Wohngebieten unter beengten und erheblich gesundheitsschädlichen Verhältnissen leben mussten? Wer hat sich darum gekümmert? Es war damals ganz einfach eine Selbstverständlichkeit.

Als krasses Beispiel möchte ich die Chemische mit Ihren giftigen Abgasen und vor Allem dem roten Abwasser, welches Jahrzehnte in die Elbe abgelassen wurde, erwähnen. In der Glashütte wurde aus Braunkohlenstaub Gas für die Erhitzung der Glaswannen zur Herstellung von Flaschen und Gläsern erzeugt. Außer dem üblen Gerüchen der Norgine, welche vor Allem Medikamente herstellte, wären noch Schäffer und Budenberg, die Kampferfabrik, Walzenfabrik und noch einige andere Beispiele aufzuzählen.

Wenn ich an meine Jugendzeit in den 20er und 30er Jahren denke, haben wir in der Republik sehr einfach und sparsam leben müssen. Besonders durch die Weltwirtschaftskrise ab 1929 bis 1932 und auch danach war die Arbeitslosenquote, besonders bei der deutschen Bevölkerung sehr hoch. Obzwar mein Vater als Postbeamter eine sichere Anstellung auf der Hauptpost hatte, reichte sein Gehalt nur knapp für eine 4-köpfige Familie zum normalen Leben aus. Er hat sich deshalb als ehemaliger Musikmeister der Österreich-Ungarischen K+ K Marine, bei der Aussiger Stadtkapelle, dem Stadttheater und bei einigen deutschen und tschechischen Vereinen durch seine musikalische Betätigung etwas dazu verdienen können und müssen.

Nun zum eigentlichen Thema: Wohnen im Industriegebiet

Aussiger Bürger aus der Innenstadt welche mit der Elektrischen nach Prödlitz, Türmitz oder Karbitz fuhren, werden sich vielleicht noch an das große westlich der Innenstadt gelegene Fabrikviertel, mit den vielen rauchenden hohen Kaminen erinnern. Wenn man zu fuß aus der Stadt kommend in westlicher Richtung am Ende der Teplitzer Straße die Fabrikstrasse betritt, meint man in eine andere Welt zu kommen.

Nach der Überquerung der Industriegeleise zur Chemischen, am Ende der Teplitzer Straße und Anfang der Fabrikstrasse, läuft man auf der rechten Straßenseite auf einem breiten Gehsteig, eine 1,3 km lange fasst 3 Meter hohe monotone, nicht endend wollende Fabrikmauer der Chemischen entlang. Anschließend setzt sich die hohe Mauer der Glashütte Mühlig-Union bis hin zum kleinen Seilerbetrieb Kücher, kurz vor der Austraße fort. Danach schließt sich die etwas freundlichere, einsehbare Umzäunung der Firma Wolfrum bis zur Stadtgrenze vor Prödlitz an.

Auf der linken Straßenseite, zu Beginn der Fabrikstraße dehnen sich riesige Lagerhallen der Bahn bis zur Heubrücke aus. (Zur Anmerkung: Dieses schmale, kaum 3 Meter breite Fußgängerviadukt, welches unter zirka 50 Rangiergeleisen ungefähr 450 Meter lang, hindurch führt, besteht heute noch.) Für uns Jugendliche hatte dieser kalte, feuchte Fußgängerdurchgang immer etwas Geheimnisvolles an sich. Wir liefen auch deshalb immer zu zweit oder zu dritt meistens schnell hindurch um auf den kürzesten Weg zur Biela und zur Schützenstrasse, welche nach Türmitz führt, zu kommen.

Nach der Heubrücke, links der Straße und den Gleisanlagen mit vielen abgestellten Güterwagen und qualmenden Dampfloks, schließt sich der Aussiger Verladebahnhof gegenüber der Glashütte bis zum beschranktem Bahnübergang an. An der langen Verladebahnrampe haben wir oft das Aus und Einladen von Wagen der Vogelwiese, des Zirkus und manch Interessantem beobachten können. Wenn man die Geleise der Aussig-Teplitzer Eisenbahn beim Bahnwächterhäusl überquert, kommt man zum Wohngebiet Fünfhaus, zu den großen Eisenbahn Werkstätten und den Bielawiesen mit Planien. Vor Allem sollte der gut ausgebaute Fußweg (Schleichweg) hinter den vielen Rangiergeleisen, entlang der Biela, vorbei am Wasserhäusl nach Türmitz nicht vergessen werden. Viele Kleischer und Ortskundige aus dem Industrieviertel und besonders wir aus der Fabrikstrasse haben diesen schönen gut gepflegten Abkürzungsweg sehr oft benutzt.

Hier an den Bahnschranken beginnt das beidseitige Wohngebiet der Fabrikstraße mit vielen großen 3-4 geschoßigen Wohnhäusern, welche sich bis zur Austraße hinziehen. Möchte als Erstes gezielt vor Allem auf das Wohnviertel in der Fabrikstrasse, eingehen. Wir Bewohner, ob jung oder alt, haben uns hier in diesem kleinen Stadtteil von Aussig, wo fast Jeder Jeden kannte, sehr wohl gefühlt, denn es gab viel Abwechslung und alles Lebensnotwendige zu kaufen. In 6 Minuten waren wir mit der Elektrischen entweder mit der Linie 2, 3 oder Linie 7 mitten in der Stadt.

Richters Gasthaus, mit dem guten Aussiger Bürgerbräu war eine besonders gute freundliche Gaststätte. Ein Spirituosenladen, welchen wir Schnapsbude nannten, wo unter Anderem Schnäpse und Liköre von Eckelmann und der bekannte Magenbitter „Ein Klostergeheimnis“ aus Schönpriesen und Tschernoseker Wein und verschiedene Getränke ausgeschenkt und auch verkauft wurden, schloss sich an. Daneben in der Trafik gab es Tabak, Zigarren und Zigaretten, vor allem Vlasta, Zora, Ägyptische, Memphis und andere Sorten, neben billigen und kostbaren Zigarren.

Möchte besonders betonen, dass hier immer ein reger Betrieb herrschte, wo die vielen Arbeiter der nahe gelegenen Fabriken, besonders der Chemischen, der Glashütte, den großen Bahnwerkstätten (Im Krieg hieß es Reichsbahnausbesserungswerk) und viele Andere, Einkehr hielten. Erinnere mich noch gut daran, als wir Jungen, die Angetrunkenen belachten und dadurch ärgerten. Wir wussten ja, dass Sie uns nicht kriegen konnten, aber es kam doch vor, dass die eine oder andere Schelle an unserer Backe landete. Besonders an den Samstag Nachmittagen, nach der Lohnauszahlung war die Schnapsbude und Richters Gasthaus immer sehr gut besucht. So hat sich innen und auch auf der Straße allerlei abgespielt. Eine Wäschemangel, wo große Wäscheteile gemangelt wurden, befand sich auch in der Straße. (Siehe Bild unten)

Im Konsum, Hs. Nr. 21 (in welchem ich wohnte) gab es zum Beispieles noch Sauerkraut, Salzheringe und Salzgurken aus dem Fass, den handgemachten Reibkäs für Pflaumen und Aprikosenknödel, den Mohn, welcher noch selbst gemahlt werden musste, und noch Vieles, welches von Hand in Tüten gefüllt und abgewogen wurde.

Natürlich durfte der Müllerschuster als einziger Schuhmacher im Industrie Viertel hier nicht fehlen. Durch seinen Sohn Ewald, welcher mein guter Freund war, konnte ich öfter zu sehn und später auch selbst Schuhnägeln auf die Ledersohlen der Schuhe klopfen, was mir immer riesigen Spaß gemacht hat. Es gab damals viel genagelte Stiefeln, hohe Wander-, oder schwere Straßenschuhe. Wir ehemaligen Soldaten können ein Lied davon singen, da wir ja bis Kriegsende nichts Anderes gekannt haben als mit den harten genagelten Stiefeln zu Marschieren und zu Singen.

Beim Schubert-Frisör, gegenüber war immer etwas los, denn beim Haare schneiden und rasieren gab es immer viel zu diskutieren und zu erzählen. Größeren Wert, wie heute hat man damals noch auf das Rasieren der Männer mit Seife und scharfem Rasiermesser gelegt, welches auch den Frisör Mehrarbeit brachte. Schon allein die Neuigkeiten, welche man in der Frisörstube erfuhr, sorgten immer für interessante Abwechslung. Vergesse nie, als ich mit 3 Jahren zum ersten Haarschnitt zum Schubert Frisör musste. Mit höllischer Angst, ohne einen Laut von mir zu geben, musste ich mit Gewalt von meinem Vater in die Frisörstube und auf den Sessel getragen werden.

Am Ende der Glashüttenmauer hatte auch die kleine Seilerwarenfirma Küchler, ein großes Gelände, wo wir Jungen uns öfter paar Kronen verdienen konnten. Die Seile wurden mit der Handkurbel zu langen Stricken gedreht. In Heimarbeit haben wir für die Bauern, die einen Meter langen Schnüre zugeschnitten und mit Holzplättchen verknotet. Dieselben wurden zum Zusammenbinden der Getreidegarben für die Landwirtschaft benötigt. Wir waren immer recht stolz auf das selber verdiente Geld, denn es gab Für 100 Stück eine Krone und 30 Heller.

Hier in der Fabrikstrasse 21 wo ich geboren wurde, habe ich über 2o Jahre glücklich und zufrieden mit meinen Eltern und meinem 5 Jahre älteren Bruder gelebt. Im dritten Stock auf der Rückseite wohnend, waren wir ungefähr 25 Meter von den 4 Bahngeleisen, der Hauptstrecke Aussig über Türmitz nach Teplitz und der Industriebahn entfernt.

Tag und Nacht fuhren hier nur dampfbetriebene Rangier und Güterzüge, meistens Kohlezüge und nur seltener Personen und Schnellzüge unmittelbar hinter den Häusern vorbei. Da es ja nach Türmitz bergauf ging mussten die Lokomotiven mit Volldampf die manchmal bis zu 50 lehren Kohlenwagen an unseren Häusern an der Fabrikstrasse vorbei ziehen. Wir konnten uns vor den Rauch und Lokomotivenlärm nur durch Schließen der Fenster einigermaßen schützen.

An der Vorderseite des Hauses wo die gepflasterte Hauptstraße nach Teplitz mit der doppelgleisigen Elektrischen von und nach Prödlitz, Türmitz oder Karbitz verlief war es nicht viel besser. 30 Meter entfernt auf der anderen Straßenseite stand hinter der hohen Mauer das Kessel und Maschinenhaus der Glashütte Mühlig-Union. Außer den Tag und Nacht ununterbrochenen Turbinen und Generatorengeräuschen, mussten wir auch die schwefelgelben Rauchwolken, welche aus mehreren hohen Schornsteinen, in die Höhe stiegen, ertragen. (Von der heutigen Sicht aus gesehen, wäre ein Wohnen in dieser Strasse undenkbar.) An die dauernden Industrie und Lokomotivengeräusche haben wir uns Bewohner der Fabrikstrasse im Laufe der Jahre gewöhnen müssen und Sie mit der Zeit kaum mehr beachtet geschweige denn gehört.

Einige erwähnenswerte Erinnerungen und Lebensverhältnisse aus dieser Zeit habe ich noch gut im Gedächtnis und bedeuten für mich auch heute noch sehr viel. Wir sollten nicht vergessen, dass die meisten Wohnungen damals nicht nur bei uns in Aussig, sondern fast überall, weit über die Grenzen hinaus noch mit Braunkohle beheizt wurden. Das ganze Jahr hindurch, auch bei großer Hitze musste deshalb der Küchenherd zum Kochen und Backen geschürt werden.

Wer hat damals an Gas, Öl, oder Elektroherde gedacht? Erinnere mich noch oft daran, als ich als junger Bursche. ohne großer Begeisterung, öfter die vollen Kohleeimer aus dem Keller in den dritten Stock schleppen musste. Denke auch noch oft daran, als der Kutscher mit dem Pferdewagen eine Fuhre Braunkohle, meistens vom Milada- Petri-, Albert- oder Gustav Schacht zwischen Türmitz, Wicklitz und Teplitz brachte. Man kann es sich heute nicht mehr vorstellen, was für Lärm die schweren eisenbereiften vollen Pferdefuhrwerke verursachten, abgesehen vom lauten Pferdegetrippel, wenn Sie über die das grobe Kopfsteinpflaster unserer Fabrikstraße rumpelten,.

Es war immer eine schwere, sehr dreckige und staubige Angelegenheit, wenn wir Kohle bekommen haben. Den Kutscher mussten wir meistens beim Abladen helfen und anschließend die Kohle in den Keller tragen. Anfang der 30er Jahre brachte uns zum ersten Mal ein Lastauto, mit Dampfantrieb, Vollgummireifen und über Zahnräder und Gliederkette angetrieben die Rohbraunkohle. Aber diese Art der Fahrzeuge hatte nur eine kurze Lebensdauer und ist bald wieder von der Straße verschwunden. Anstatt Dampfantrieb wurde danach bis zum Ende des Krieges auf Holzgas umgestellt. Die meisten Bewohner der Umgebung und anderen Wohngebieten haben die billigere unbearbeitete Rohkohle, (Im Schacht roh gebrochen) bestellt. Diese Kohle machte zwar im Keller durch das Zerklopfen mehr Arbeit, aber die Ersparnis machte sich beim Bezahlen bemerkbar.

Ein außergewöhnliches und seltenes Transportfahrzeug, hatte unser Fleischermeister Srp Willi, welcher im Hinterhof unseres Hauses seine Wurschtküche hatte. Und zwar war es ein geschlossener Leiterwagen mit einem 3 Meter langen Kastenaufbau und einer langen Deigsel, an welcher der übergroße kräftige Hund (Nero) eingespannt war. Dieses Gefährt hat einige Jahre gute und billige Arbeit geleistet und mir nebenbei auch immer viel Spaß gemacht. Der Hauptzweck war öfter, in der Woche frisch geschlachtetes Fleisch aus dem damals neu erbauten modernen Schlachthof von der Schwenkestraße herunter zur Fabrikstrasse 21 zu fahren. Diese Fahrten mit dem Hundegespann waren immer aufregend, denn unser Nero kannte nur hohes Tempo, wenn der Fleischer Willi und ich auf dem voll beladenen Wagen sitzend, die Austraße hinunterrasten. Kurz vor der Einmündung zur sehr stark befahrenen Fabrikstrasse, mussten wir durch Abspringen, den rasenden großen Fleischerhund zum Halten bringen. Nach 300 Metern in der Fabrikstraße sind wir im Hinterhof, wo die Wurstküche war gelandet. Von den guten Knackern, Krenwürschtln und Kesselfleisch, frisch aus dem Kessel, sowie Faschiertem (bayr. Leberkäs) mit der guten Brühe und den guten Blut und Leberwürschten kann ich mich nach 75 Jahren noch heute begeistern.(An der Quelle saß der Knabe. sagt ein altes Sprichwort.) Da der Fleischerladen in der Flurenstrasse war, mussten öfter Fleisch und allerlei Wurstwaren hinauf gefahren werden, wo ich, wenn möglich oft dabei war und fleißig mitgeholfen habe.

Noch einen besonderen Vorteil bei Fahren mit unserem Hunde-Gespann haben der Fleischer Willi und ich ausgenützt und auch wenn möglich durchgeführt. Und zwar war die Fabrikstraße in der damaligen Zeit grob gepflastert und mit Eisenreifen schlecht zu befahren. Um ruhiger mit unseren Gespann fahren zu können, haben wir Nero in die Geleise der Elektrischen hineingeführt. Natürlich war Voraussetzung, dass keine Elektrische in unser Fahrtrichtung von hinten kam. Der Zufall wollte es, dass die Spurweite unseres Wägelchens und die Breite der Eisenreifen in die Vertiefungen der Geleise haargenau passten und unser Nero nicht zu lenken brauchte. Wir konnten selbstverständlich diese ruhige Fahrweise nur in der Fabrikstrasse anwenden. Muss immer noch an diesen treuen, braven außergewöhnlich großen Hund, welcher mir sehr ans Herz gewachsen war, denken. Immer im Galopp, mit heraushängender Zunge hat er uns und den meist beladenen Wagen gezogen. So etwas wäre heute undenkbar, deshalb kann ich es auch nicht vergessen.


Möchte auch einmal über die Aussiger Polizei, welche früher Gendamerie genannt wurde, etwas berichten. Mein Großvater Gustav Lorenz, welcher bereits vor dem ersten Weltkrieg, als wir noch zu Österreich gehörten, bei der Stadtpolizei seinen Dienst leistete, wohnte mit seiner Familie im Nachbarhaus der Firma Wolfrum, Fabrikstrasse 23. Als Oberwachtmeister musste er für Recht und Ordnung, besonders im westlichen Aussig bis Kleische und bis zur damaligen Stadtgrenze vor Prödlitz sorgen.

Hatte deshalb öfter Gelegenheit einiges über seine nicht immer leichte Arbeit in der Stadt und besonders im Industriegebiet zu erfahren und mit zu erleben. Meistens zu Fuß, oder mit der Elektrischen, musste die Polizei Ihren Dienst damals verrichten.

Wie oft konnte ich beobachten, wie er zum Beispiel Radfahrer welche wiederholt verkehrswidrig entweder zu zweit oder sogar zu dritt auf dem Radl, oder nachts ohne Licht fuhren, anhielt und verwarnte. Damals gab es kaum ein Auto auf der Strasse, und wenig Radfahrer aber doch einige Pferdefuhrwerke. Es ist auch einige Mal vorgekommen, dass die Pferde scheuten und Unfälle verursachten. Auch kann ich mich noch gut daran erinnern, wenn einige Arbeiter, aus den großen Fabriken, besonders aus der Chemischen und der Glashütte, am späten Abend betrunken aus den Gasthäusern in der Fabrik-, Fluren- oder Austraße kamen und dadurch der Polizei viel Arbeit und großen Ärger bereiteten. Ich konnte es in einigen Fällen verstehen, wenn die Geduld der Ordnungshüter, in diesem Fall, meines Großvaters auch seine Grenzen hatte. Seiner Dienstpflicht kam er immer menschlich korrekt nach und trotzdem schaffte er sich nicht nur immer Freunde.

Ein besonders schlimmes Ereignis, welches ich nie vergessen werde, möchte ich schildern. Weiß es noch genau, als mein Großvater an einem späten Abend mit völlig durchnässter und verschmierter Uniform heim kam. Sehr aufgeregt erzählte er uns, dass er auf einem üblichen Streifengang, außerhalb des vielen mit Kohle beladenen Güterwagen-Rangiergeländes, plötzlich von vermummten Männern am Wasserhäusl überfallen wurde. Man stieß Ihn in die 3 Meter tiefer gelegene Biela, welche an dieser Stelle glücklicherweise nur einem Meter tief war. Zum Glück hatte er außer einem Schock noch Prellungen und Schürfwunden erlitten und war noch in der Lage, in der Dunkelheit zu fuß den 30 Minuten dauernden Heimweg anzutreten. Niemand hätte Ihm zu dieser späten Abendstunde bemerkt und Ihm zu Hilfe kommen können, da der Weg nachts kaum begangen und nicht beleuchtet war. Es sei noch erwähnt, dass er einen jungen Mittäter erkannt hatte, dessen Eltern ehrenwerte Aussiger Bürger waren. Nur uns hat er es erzählt, dass er entgegen der Dienstvorschrift daraufhin von einer Anzeige, welche große Folgen gehabt hätte, Abstand genommen hat.

Möchte nun den allseits geschätzten Polizeioberwachtmeister Gustav Lorenz noch einige ehrende Worte widmen. Noch einige Jahre in der K. K. Monarchie, bis zur Pensionierung 1935 hat er als Oberwachtmeister in Aussig, (auch für die Tschechen in der neu gegründeten Tschechoslowakische Republik seit 1918, das waren 17 Jahre) seinen Dienst ordnungsgemäß verrichtet. Niemand hat je erfahren, dass er mit seiner Tochter bereits Anfang Juli 1945 durch die wilde Vertreibung von tschechischer Miliz und Swobodasoldaten mit Gewehrkolben zu fuß über die Grenze bei Schönwald getrieben wurde. Erniedrigung und Schmach, mussten Beide im Juli 45 ertragen. Diese Demütigung hat mein Großvater nicht verkraften können und deshalb einige Tage später auf einem Dachboden in Sachsen den Freitot gewählt. Voll Entsetzen erfuhr ich erst einige Jahre später durch Zufall das tragische und traurige Ende. Als letzte schmerzliche Erinnerung habe ich immer meinen guten Großvater, als pflichtbewussten Aussiger Polizeibeamten vor Augen.

Im Aussiger Boten wurde schon mehrmals die erfolgreiche Schriftstellerin und Autorin Isolde Heyne, geborene Heldmann genannt und auch geehrt. Isolde wurde auch hier in der Fabrikstrasse 21 geboren. Kann mich noch sehr gut an das liebe Mädel erinnern, als Sie Mitte der 30er Jahre zwischen 4 und 7 Jahre alt war. Da wir ja im selben Haus wohnten hat sich Ihre Mutter immer gefreut, wenn wir Jungen, aber besonders ich sich um die kleine lebhafte Isolde gekümmert haben. Musste auch öfter mit Ihr schimpfen und Sie an die Hand nehmen, wenn Sie auf die Straße laufen wollte. Wundere mich heute noch, dass bei diesen Verkehr, Straßenbahnen und anderen Fahrzeugen bei uns in der Hauptstraße nach und von Teplitz nicht mehr passiert ist. Der neben unserem Haus angrenzende unbebaute Spielplatz, welchen wir Lehmhaufen genannt haben, gab uns viel Gelegenheit rumzutollen und Ballspiele zu machen. Besonders an das Kugeltschippeln, mit den bunten Kugeln und den kostbaren Glastackern, welche wir in einem Kugelsackl in der Hosentasche immer dabei hatten, erinnere ich mich noch gut. Die kleine Isolde machte immer eifrig mit. Aber einige Male ist Sie auch von zuhause durchgebrannt und da wusste ich, dass Sie öfter im Bahnwächterhäusl, unserem Lieblingsaufenthalt, zirka 300 Meter von der Wohnung entfernt, sein konnte. Die netten Schrankenwärter, welche ja immer rund um die Uhr abwechselnd Dienst hatten, haben uns jungen Menschen immer fasziniert und uns auch immer in das rauchgeschwärzte Bahnwächterhäusl setzen lassen, (Isolde eingeschlossen) und uns stundenlang viel von der Eisenbahn erzählt. (Es ist kein Wunder, wenn ich im weiteren Leben immer leidenschaftlicher Eisenbahnfan geblieben bin.) Bei dem regen Zugverkehr kannten wir keine Langweile. Immer bevor ein Zug kam, klingelte die Telefonglocke, worauf der Schrankenwärter anschließend zur Kurbel lief und unter laufendem Glockenschlag die Schranken schloss. Wenn es auch nicht erlaubt war, aber runter und rauf leiern durften wir öfter, worauf wir immer sehr stolz waren. Meistens etwas angeschwärzt sind wir dann nachhause gelaufen. Leider gab es damals noch kein Bad oder Dusche um den Ruß abzuwaschen. Ein Waschlawor, mit warmen Wasser, welches in der Küche bereit stand musste auch den Zweck erfüllen.


           O, wie haben wir uns immer gefreut, wenn wir erfahren haben, der Zirkus kommt. Hier waren wir aus der Fabrikstrasse, dem Laurenziweg und Flurenstrasse immer im Vorteil, denn wir konnten hautnah alles miterleben. Gegenüber der Glashütte, wo die lange Verladerampe war, haben wir immer darauf gewartet, bis sich die Schiebetüren der Waggons öffneten und die herrlich gepflegten Pferde, Zebras, Kamele, Elefanten und viele andere Tiere zum Vorschein kamen. Wenn nach dem Entladen der Tiere der Zug begann, konnten wir es nicht erwarten öfter ein Schönes Pferd, oder Zebra oder sogar einen Elefanten zu begleiten und zu streicheln. Es war für mich ein besonders unvergessenes Erlebnis, als mich ein Wärter mit dem Rüssel auf einen Elefanten heben lies und ich fast bis Prödlitz aus dieser Höhe gut gepolstert dahin gleiten konnte.

In den 20er Jahren wurden noch meistens Pferde zum Transport der Wägen eingesetzt. Aber später, wenn dann das Geratter der damals noch primitiven Traktoren mit den angehängten Zirkuswägen begann, konnte man das eigene Wort kaum verstehen, aber wir aus der Fabrikstraße sind Lärm gewöhnt. Am Günstigsten war es immer wenn der Zirkus in Prödlitz seine Zelte aufschlagen konnte, da war der Weg am Kürzesten und wir Jungen brauchten keinen langen Fußmarsch machen und konnten öfter hin gehen. Auch wenn in Kleische am Hofefeld (wo in den 20er und 30er Jahren noch eine große Fläche bereit stand). oder auch der Festplatz am Stadion, der Zirkus gastierte. Aber der Zug musste meistens durch die Fabrikstraße, Austraße, hoch über die Schwenkestraße nach Kleische ziehen . Soviel ich mich noch erinnere, hat man es damals vermieden durch die Stadt zu fahren, um den Verkehr nicht zu behindern. Alle großen Zirkusse, wie Sarrasani, Hagenbeck, Busch, Krone, Kludsky und Andere, haben auf Ihrer Tournee Aussig nie vergessen.