Heimatfreunde Aussig

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Die Stadt Aussig an der Elbe.

 
Wo die Ausläufer des rauen Erzgebirges sich mit dem milden zur Blütezeit bezaubernd schönen Mittelgebirge berühren, wo das mächtige Braunkohlenbecken Böhmens in das verkehrsreiche Tal der Elbe einmündet, auf deren ewig sich verjüngenden Fluten als Zeugen alter Zeit die Trümmer der Bergfeste Schreckenstein herniederschauen, dort liegt Aussig, eine Stätte rastlosen Schaffens. Es ist leicht erklärlich, dass an einer von der Natur so begünstigten Stelle schon frühzeitig eine Siedlung entstand, wenn auch der eigentliche Aufstieg erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts begann. bis dahin hatte die Stadt mit ihren Mauern und Toren noch mittelalterliches Gepräge. Die Bewohner lebten hauptsächlich vom Acker- und Weinbau, teilweise auch vom Handel und Handwerk.
Urkundlich wird des Ortes im 10. Jahrhundert zum ersten Male Erwähnung getan. Im Jahre 1272 erhob ihn Przemysl Ottokar II. zur Würde einer königlichen Stadt. Ihre Befestigung bestand aus der eigentlichen Stadtmauer mit vier Toren, einer niedrigeren Zwingermauer, dem Stadtgraben und dem Stadtwall. Die ständig aufsteigende Entwicklung wurde das erste Mal jäh unterbrochen, als die Hussiten nach ihrem Siege auf der benachbarten Bihana am Pfingstfeste 1426 die Stadt in Brand steckten und die Bewohner, soweit sie deren habhaft wurden, niedermachten. Drei Jahre lang soll die Stätte wüst gelegen haben. Auch in der Folgezeit wurde der Aufstieg durch große Stadtbrände noch mehrmals gestört. Den höchsten Stand seiner mittelalterlichen Entwicklung hatte Aussig um das Jahr 1600 erreicht. Von dieser Höhe sank es während des Dreißigjährigen Krieges wieder herab. da in ihm wieder mehr als die Hälfte aller Häuser zerstört wurden. Dem verheerenden Kriege folgte ein zweimaliges Wüten der Pest in der Stadt. Auch in den Schlesischen und Napoleonischen Kriegen hatte sie mannigfaltige Drangsale zu erleiden. Trotz aller Hemmnisse aber ging die Entwicklung stetig weiter, insbesondere seit der Begründung des regelmäßigen Dampferverkehres 1841 und der Eröffnung der ersten Staatsbahnlinie 1850. Schon wenige Jahre darauf wurde die in der Folge für Aussig so bedeutsame "Chemische Fabrik" hier gegründet. Bald folgten andere Unternehmungen und die Stadt entfaltete sich, nachdem sie vordem die einengenden Fesseln der Mauern und Türme gesprengt hatte, zu einem mächtigen Handels- und Industrieplatz, der heute über 40.000 Einwohner zählt, die eng anschließenden Vororte nicht gerechnet, mit denen das Siedlungsgebiet gegen 70.000 Bewohner zählt. Keine zweite Stadt Nordböhmens kann eine so bedeutende bauliche Entwicklung in der Nachkriegszeit aufweisen wie Aussig. Wurden doch in den ersten 15 Jahren 2600 neue Wohnräume mit einem Kostenaufwande von 75 Millionen Kc geschaffen. - An einer überaus günstigen Stelle der natürlichen Verkehrsachse Böhmens gelegen. als welche die Moldau-Elbelinie anzusehen ist, war Aussig schon von alters her ein Kreuzungspunkt wichtiger Straßenzüge, denen in neuerer Zeit die Eisenbahnlinien folgten. Von größter Bedeutung für das Wachstum der Stadt war jedoch der gewaltige Aufschwung der Elbeschiffahrt am Ende des vorigen Jahrhunderts, für welche Aussig dank seiner Lage den bedeutendsten Umschlagplatz bildet.
Schon im Jahre 993 wurde hier ein Elbzoll eingehoben. Stromabwärts beförderte man besonders Zinn, aufwärts Salz. Zahlreiche Stromschnellen und Untiefen ließen einen Schiffsverkehr tiefer landeinwärts nicht zu, so dass Aussig für ganz Böhmen der natürliche Ausfuhrhafen wurde. Die Grundlage für den Aufschwung des Elbeverkehrs Auszugs bildete die Erschließung großer Kohlenlager in der Brüxer und Teplitzer Gegend am Ende der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Da die Kohle wegen ihrer Güte und Billigkeit in Deutschland reißenden Absatz fand, wurde Aussig bald zum bedeutendsten Umschlagplatze des alten Österreich, denn es fand hier ein weit größerer Güterumsatz als in Triest statt. Eine notwendige Vorbedingung für den Aufschwung bildete die vollständige Aufhebung der Elbzölle im Jahre 1810. Unentwegt wurde seit dem danach gestrebt, die Leistungsfähigkeit dieser Wasserstraße durch die Verbesserung der Schiffbarkeit des Stromes wie durch Erweiterung der Hafenanlagen zu erhöhen. Unter den Anlagen zur Erhöhung und Regelung der Wassermenge der Elbe ist vor allem die Masaryk-Staustufe am Fuße des Schreckensteins hervorzuheben. Sie zählt zu den größten Wasserbauwerken Mitteleuropas. Die mit ihr verbundene Elektro-Hydrozenlrale kann bei voller Ausnutzung 27.000 PS leisten. Die Umschlags- und Hafenplätze Aussigs reichen derzeit weil über das Stadtgebiet hinaus und erstreckten sich in einer ununterbrochenen Folge auf eine Stromlänge von 7,5 km. Die Strecke oberhalb der Bielamündung dient hauptsächlich dem Warenverkehre an Stadtgütern und Industrieerzeugnissen, außerdem wickelt sich im Herbste an dieser Stelle der Obstumschlag ab. Hier arbeiten 12 Dampfkräne mit 1,5 bis 4 t Tragfähigkeit. Unterhalb der Bielamündung ist das linke Elbufer einschließlich der beiden Aussiger Winterhafen fast nur für den Umschlag der böhmischen Braunkohle bestimmt. Dieser Betrug bis in die Kriegszeit 75 Prozent der gesamten Elbeausfuhr.
Den Personen~ und Kleingüterverkehr besorgen schmucke Raddampfer, die sich unter den Lastfahrzeugen wie Sonntagsgäste bewegen und auf ihrem Deck neben geschäftlich Reisenden manch frohen Naturfreund tragen, der in geruhigem Schauen die Schönheit der vorübergleitenden Ufer in sich aufnehmen kann. Als weitere wichtige Verkehrsstraßen kommen die beiden Staatsbahnlinien längs des Flusses und die jetzt ebenfalls staatliche Aussig- Teplitzer Eisenbahn in Betracht. Dem außerordentlich regen Ortsverkehr und jenem der Nachbarorte mit der Stadt dienen eine Reihe von Linien der elektrischen Straßenbahn sowie städtische Autobusverbindungen.  Einen Markstein in der industriellen Entwicklung Aussigs bildet wie schon erwähnt. das Jahr 1856, in welchem die Stadt zum Standorte einer großen chemischen Fabrik gewählt wurde. Nach anfänglichen Schwierigkeiten entwickelte sich das Werk, mit dem die Großindustrie in Aussig ihren Einzug hielt, zum führenden Unternehmen der chemischen Industrie im  ehemaligen Österreich, wie es auch heute an der Spitze dieses Industriezweiges in unserer Republik sieht. Die Firma, die außer ihrem größten Werke in Aussig solche auch in Falkenau a. d. Eger und in Hruschau besitzt. erzeugt vor allem Schwefelsäure, Glaubersalz, Soda und Chlorkalk.
Die zur Verfügung stehende Betriebskraft erreicht 52.000 PS. Ein zweites Unternehmen von Weltruf, das der Georg Schicht A. G., liegt gegenüber von Aussig am rechten Elbufer . Aus bescheidenen Anfängen sind diese Werke zum Weltunternehmen herangewachsen, das alle Zweige der Fettindustrie umfasst. Allgemein bekannt sind u. a. die Seifen und Kunstspeisefette der Firma. Zu den ältesten Unternehmungen Aussigs zählt auch die Weberei, Färberei und Appretur C. Wolfrum, auf deren Fabrikgrund 1912 ein 365 m tiefer artesischer Brunnen erschlossen wurde, der 31.7 ° C warmes, heilkräftiges Wasser liefert. 1871 erbaute man in Aussig die Glasfabrik der österreichischen Glashüttengesellschaft, die derzeit im Besitze der Mühlig-Union A. G. ist und sich zu einer außerordentlich leistungsfähigen Flaschenglashütte entwickelte. Besitzt sie doch 4 Ofenanlagen und 2 Handwannen für Flaschenerzeugung. Auch in dieser Fabrikanlage wurde eine Thermalquelle erbohrt. deren Wasser 1930 zur Speisung eines prächtig gelegenen, vielbesuchten Freibades überlassen wurde. Die Gründung der ersten Maschinenfabrik am Orte erfolgte 1862. Sie wurde von der Firma Breitfeld Danek & Co. übernommen, die aber 1925 das Werk als veraltet aufließ. Anfang der 70er Jahre errichtete die Aussig-Teplitzer Eisenbahn ihre groß angelegten Werkstätten in Aussig, die heute noch durch die Staatsbahnverwaltung im Betriebe sind. In dem Elbe abwärts gelegenen Vororte, jetzt Stadtteil Schönpriesen, begann die industrielle Entwicklung fast gleichzeitig mit jener der inneren Stadt. Es entstanden hier die Spiritus~ und Preßhefefabrik GmbH., vormals Gebrüder Edelmann, sowie die Brauerei, die eigentlich das älteste Unternehmen Aussigs ist. da sie bereits um 1640 in der Langen Gasse bestand. Anfang der 80cr Jahre wurde die Schönpriesener und die Aussiger Zuckerraffinerie gegründet. Guten Ruf gewann auch die Firma Klepsch und Söhne durch ihre Konservenerzeugung.
Von großer Bedeutung für die weitere Entwicklung der Industrie war die zielbewusste Erwerbung von Grundstücken durch die Stadt und deren Überlassung an neu zu gründende Unternehmungen zu mäßigen Preisen. Durch die Erbauung einer Industriebahn wurde das Gelände mit der Hauptbahn unmittelbar verbunden. Zu den daraufhin gegründeten Werken gehört auch jenes der Firma Schäffer und Budenberg, welche Armaturen und Manometer erzeugt. Heute beherbergt dieses planmäßig angelegte Fabrikviertel neben der großen chemischen Fabrik über 20 größere und kleinere Betriebe. Ein zweites hat sich in Schönpriesen entwickelt. Einzelne Unternehmungen sind auch im übrigen Stadtgebiete anzutreffen. Sie alle anzuführen, mangelt der Raum. Noch genannt sollen aber das städtische Elektrizitätswerk und das gleichfalls städtische Gaswerk werden.
Ersteres liefert nicht nur den elektrischen Strom für die Beleuchtung der Stadt sowie für den Antrieb zahlreicher Industrieunternehmungen, sondern betreibt auch eine Kleinbahn mit 31 km Betriebslänge und findet dank seiner Lage inmitten der Stadt als Fernheizwerk Verwendung, indem die sonst bei der Gewinnung elektrischer Energie in den Auspuffdampf übergehende beträchtliche Wärmemenge zu Heizungszwecken nutzbar gemacht wird. Durch unterirdische Betonkanäle wird der Dampf den zu beheizenden Gebäuden zugeführt und dort auf die entsprechende Spannung reduziert. Die meisten öffentlichen und viele Privatgebäude bis zu 1400 m Entfernung sind an das Fernheizwerk angeschlossen. Ein modernst eingerichteter Betrieb ist auch die Aussiger Arbeiterbäckerei mit einer Leistungsfähigkeit von 70-80.000 kg Brot wöchentlich. An der industriellen Entwicklung der Stadt nehmen auch die volkreichen Nachbarorte regen Anteil. Es seien nur noch die Nestomitzer Zuckerraffinerie, die Ammoniaksodafabrik Solvay das selbst, die Kupferwerke in Pömmerle und das Großkraftwerk Türmitz der Nordböhmischen Elektrizitätswerke AG genannt, das heute weite Strecken mit Strom versorgt.
In einer Stadt, in der ein Großteil der Bewohner in fabriksmäßigen Betrieben arbeitet, spielt auch die Wohlfahrts- und Gesundheitspflege eine besondere Rolle. Auf diesem Gebiete besitzt Aussig, nicht zum geringen Teile dank großzügiger privater Schöpfungen, ein Wöchnerinnenheim, ein Säuglingsheim, eine Mutterberatungsstelle, ein Kleinkinderheim, den schulärztlichen Dienst, die Erholungsfürsorge für die Schulkinder {Ferienkolonien und Ferienwanderungen), ein neues Bezirkskrankenhaus mit vorläufig 656 Betten, ein Hallenbad und ein Freibad, beide von heilkräftigen Thermalquellen gespeist, eine Kampfbahn mit einem Fassungsraum für 25.000 Menschen, eine Blindenschule, ein Bezirksversorgungshaus. Eine Reihe hierher gehörender Anstalten verdankt, wie erwähnt, privater Wohltätigkeit ihr Entstehen. Von ihnen sollen noch zwei Lungenheilanstalten und das Knabenerziehungsheim in Spiegelsberg nächst Aussig genannt werden.
Ist in den voran stehenden Darlegungen hauptsächlich der gewerblichen Tätigkeit gedacht worden, so darf nicht unerwähnt bleiben, dass sich Aussig auch zur Schulstadt entwickelt hat. Bei der großen Zahl technischer Betriebe in Stadt und Umgebung war die Schaffung einer Anstalt, welche die geeigneten Kräfte insbesondere für die Maschinenindustrie heranzubilden hatte, eine Notwendigkeit. Dieser Erwägung verdankt die 1910 gegründete Staatsgewerbeschule ihre  Entstehung, über deren Einrichtung die vorangehende Abhandlung unterrichtet. Weit früher, im Jahre 1886, war die Handelsschule hier entstanden, die 1900 in eine vierklassige Handelsakademie umgewandelt wurde. 1893 folgte die Errichtung eines Gymnasiums, das jetzt Realgymnasium ist, und 1909 begann der Aufbau der Oberrealschule. Die seit 1903 bestehende Lehrerinnenbildungsanstalt wurde 1930 in eine Lehrerbildungsanstalt für beide Geschlechter umgestaltet. Lediglich für die weibliche Jugend sind das Mädchen-Reformrealgymnasium sowie die 1921 als Familienschule gegründete Fachschule für Frauenberufe bestimmt. Diese deutschen Mittelschulen Aussigs werden von mehr als 2000 Studierenden besucht. Den geistigen Bedürfnissen der gesamten Bevölkerung dient die vorbildlich eingerichtete Stadtbücherei und Lesehalle, die ihr schönes Heim einer Spende des Großindustriellen Weinmann verdankt. Aus einem Bücherschatze von über 30.000 Bänden erfolgen jährlich 150.000 Entlehnungen, während die Lesehalle im gleichen Zeitraume 70.000 Besucher zählt. Das erste Stockwerk birgt zwei Vortragssäle, das zweite die Ausstellungsräume. Eine weitere Bildungs- und Unterhaltungsstätte ist das Stadttheater, in modernisiertem Barock  erbaut und 1908 eröffnet. An Gotteshäusern weist Aussig vor allem eine im gotischen Stile erbaute Erzdekanalkirche auf, die als ein Werk des Meisters Benedikt von Ried hohen kunstgeschichtlichen Wert besitzt. Ein feuerfester Schrank in der Mauer der Kirche birgt ein Kleinod Aussigs, das berühmte Madonnenbild Carlo Dolcis in einer Nachbildung von Mengs. Ferner treffen wir in der Stadt eine Klosterkirche, eine protestantische Kirche und einen Tempel. Die reichen naturhistorischen, geschichtlichen und kunstgewerblichen Sammlungen Aussigs haben ein prächtiges Heim, ein Schmuckstück für sich, in dem nahen Türmitzer Schlosse gefunden, das vom Erbauer der Wiener Votivkirche, Heinrich von Ferstel, für den Grafen Nostitz errichtet wurde und 1919 durch Schenkung in den Besitz der Stadt überging. Die überaus günstige Lage hat Aussig aber nicht nur als Industrie- und Handelsstadt, sondern auch als Fremdenverkehrspunkt Bedeutung verschafft. Bietet doch die Umgebung des Ortes dem Schönheit suchenden Naturfreunde den ganzen Zauber der Lieblichkeit und Abwechslung, deren das Mittelgebirge nur fähig ist. Den besten Überblick über die hervorragend günstige Lage der Stadt erlangen wir von dem schmucken Heim des Gebirgsvereines, das sich auf einer  Anhöhe nächst der Elbe erhebt. Zu unseren Füßen rauscht der stolze Elbstrom vorüber, der in weitausgedehnten Hafenanlagen die ihm zur Beförderung anvertrauten Güter aufnimmt. Ein Wald von Schornsteinen zeugt davon, dass wir uns inmitten eines großen Industriegebietes befinden, das schier endlose Kommen und Gehen von Zügen lasst auf den Umsatz von Millionen schließen. Lassen wir aber von diesem Bilde der Unrast den Blick hinaus gleiten, so wandert er über die reich bewaldeten Höhen, die wohl angebauten Täler des Mittelgebirges hinüber über die Kampffelder von Kulm nach dem in weiter Ferne verblauenden Walle des Erzgebirges, das mit seinem langgestreckten nach Norden sanft abfallenden Kamme besonders das
Ziel zahlreicher Skifahrer bildet. Eine wohleingerichtete Jugendherberge in Aussig gewährt den jungen Wander- und Sportsfreunden, die alljährlich zu Tausenden eintreffen, gastliche Aufnahme. Eine Sehenswürdigkeit ist auch der Lumpe-Park im Stadtteil Schönpriesen, der an anderer Stelle des Taschenbuches näher gewürdigt wird.
So lernen wir Aussig, das vor wenigen Jahrzehnten noch ein weltvergessenes Landstädtchen war , heute als einen Brennpunkt des Schaffens und Verkehrs kennen und die Umstände, die es groß gemacht, lassen in ihrer Beständigkeit einen weiteren Aufstieg erhoffen.

(Aus dem Archiv des Hilfsverein Aussig e.V. München, Autor nicht bekannt.)