Erinnerung an unsere Verschleppung ins Landesinnere 1947/48
Ein Bericht von Elli Pohl, Edermünde, früher Mörkau (AB 57/1)
 
Schweren Herzens denke ich an diese Zeiten zurück. Ich bin 82 Jahre alt.
Im Herbst 1946 wurden unsere Väter abgeholt, angeblich zu Aufräumungsarbeiten nach Aussig. Sie kamen nach Lerchenfeld in ein Konzentrationslager.
 

Im Frühjahr 1947 hörten wir von der Ausweisung in die Fremde. In unserem Dorf Mörkau wurden alle Häuser mit tschechischen Menschen besetzt. Nun lebten wir in Angst und Ungewissheit. Auch in unserem Haus waren Tschechen eingezogen. Wir gingen ins Feld arbeiten, als Dienstboten. Die neuen Besitzer sprachen kein Wort deutsch, wir kein Wort tschechisch. Eines Tages holte man uns vom Feld. Sofort nach Hause, in einer Stunde einpacken und fertig sein. Ein großer LKW stand am Dorfplatz. Es waren schon drei Familien drauf. dazu nun Mutter und ich. Wir wussten vor Angst und Schrecken nicht. was wir in der Eile anziehen sollten. Wir zitterten und weinten, als wir unser Haus, unsere Kühe und Schweine nicht hörten, alles nicht mehr sehen konnten. Der Fahrer, ein Tscheche, deutete an, dass es nach Prag geht. Auf diesem offenen LKW fuhren wir bis in die Nacht hinein, bis es wieder hell wurde. Wir rückten eng zusammen, weil es bitter kalt war. Wir zitterten und weinten. Kinder, alte Leute und wir. Als wir auch mal unsere Notdurft verrichten mussten, klopften wir lange auf das Fahrerdach. Endlich hielten wir an. Der Fahrer stellte einen Stuhl zum Absteigen der alten Leute hin. Er ließ uns nicht aus den Augen. Wir schämten uns, er lachte nur. Nach Stunden waren wir durch Prag gefahren. Aber es ging immer weiter. Endlich kamen wir in ein Dorf. Ein großes Tor führte zum Gut von Česky Brod. Der Gutsbesitzer stellte sich als Herr Gröschel vor. Wir wurden in einen alten Schuppen geführt, er sah aus, wie ein alter Holzstall, obwohl kein Holz, keine Kohle zu sehen war. Nur ein alter verrosteter Ofen, den wir uns mit fünf Personen teilen mussten. Ein Berg Rapsstroh lag vor der Tür, damit mussten wir kochen. Ja, Selbstversorgen war angesagt. Ein kleiner Nebenraum mit einer breiten Bettstelle, mit Holzbrettern und ein Bund Rapsstroh lag darauf. Wir dachten zurück an unsere weichen Federbetten in der Heimat.

 
   

Am nächsten Tag gegen 8 Uhr kam ein anderer Mann und sagte gebrochen deutsch: „Um 8 Uhr hole ich alle ab, zur Arbeit aufs Feld". Die beiden Alten sollten daheim bleiben und Essen vorbereiten. Wir sollten gegen 16.30 Uhr zurück sein. Das war ja nicht möglich, die Leute waren 70 bis 75 Jahre alt. Wir bekamen in der Woche 40 bis 50 Kč (Kronen). Wir wurden zur Hackfruchternte eingeteilt, jeder seinen Teil. Bei Hitze und Regen immer draußen. Abends lief ich einkaufen. Die Tschechen schauten uns an, als seien wir Verbrecher. Oft hatten wir kein Brot und natürlich auch nichts zum drauflegen. Wir hatten Hunger. In dem kleinen Dorfladen wollte man uns nicht verstehen. Es war würdelos, es war erbarmungslos. Wir stellten fest, dass auch deutsche Soldaten (Heimkehrer) dort arbeiten mussten. Mit Traktoren und Pferdegespann waren sie auf den Feldern. Eine Unterhaltung war nicht erlaubt. Ab und zu brachten uns diese Gefangenen eine Flasche Milch, heimlich aus dem Stall geholt. Wochen und Monate vergingen, wir hatten keine Kraft mehr. Von unserem Vater wussten wir noch nichts. Öfters wurden wir krank. Wir bekamen Geschwüre und Eiterflecke am Arm und am Rücken. Einen Arzt bekamen wir nicht. Wir schleppten uns weiter. Wir mussten unsere Aufgabe (Befehl) erledigen. Es wurde Herbst, es war kühl, man hatte keine richtige Ordnung im Essen. Eines Tages schickte uns Herr Gröschel eine Krankenschwester. Sie sah unsere schmerzenden eitrigen Flecken. Sie sprach tschechisch, was sollten wir tun? Sie brachte Salbe, die jedoch nicht half. Wir konnten nicht mehr arbeiten, wir hatten Fieber und Angst. Ende Oktober 1947 die Erlösung. Wir sollten unsere Sachen packen und kamen am anderen Tag mit weiteren vier Personen weg. Mit unseren Habseligkeiten auf einem LKW weiter, bis wir wieder über Prag nach Aussig kamen, in der leisen Hoffnung, wieder zurück in unser Dorf, in unser Haus zu können. Nein, es ging nur bis Aussig, in ein Auffanglager in Prödlitz. Nun waren wir unter Deutschen. Ein gutes Gefühl! Aber unter tschechischen Aufsehern. Dort wurden wir von einer tschechischen Ärztin untersucht, frischer Verband auf diese eitrigen Stellen gewickelt. Diese tschechischen Aufseher hatten besonderes Interesse an uns jungen Witwen und Mädchen. Oft wurden wir hässlich belästigt. Nach einigen Tagen hieß es wieder einpacken, aufräumen. In einer Reihe, nur einzeln wurden wir zur Kontrolle gerufen. Ausweis, Urkunden, Sparbücher, Geld, alles wurde uns genommen, vor unseren Augen zerrissen. Mit dem letzten Bündel Kleidung und nur einem Paar Schuhe ging's in den Zug. Er stand schon bereit. Es war ein Güterzug, wo man noch Reste von Pferdemist oder von Kühen riechen und sehen konnte. Viele Leute in einem Waggon, in einer kleinen Ecke ein Eimer und Deckel. - Wieder diese Enttäuschung, diese Angst. Wir wurden wie Sklaven behandelt. Endlich ging es los in Richtung Deutschland. Jedoch dauerte es auch wieder sehr lange, bis wir die Grenze überfuhren. Oft ließen sie uns lange stehen. Manchmal kamen russische Kontrollen. Die waren höflicher als die Tschechen. Wir waren müde, schmutzig, krank. Eine Möglichkeit zum Baden oder richtig Waschen gab es nicht. Als wir nach etwa einer Woche in Deutschland ankamen, hörten wir, dass einige ältere Vertriebene im Zug verstorben waren. Es wurde kurz angehalten, die Toten rausgelegt und weitergefahren. Einmal bekamen wir eine Tasse Tee und Schwarzbrot. Das hat uns gut getan. Eine Bahnhofsmission war es. Ich weiß nicht, wie lange wir in diesem Viehwaggon stecken mussten. In Schmölln-Altenburg angekommen, ging es wieder mit einem alten LKW weiter in eine alte Burg, ein Zwischenlager. Dort waren sicherlich schon viele Menschen vor uns. Alles schmutzige Holzliegen mit Ungeziefer, Wanzen - Läuse! Dort mussten wir in Kellerräumen schlafen. Es war alles mit Stroh ausgelegt. Wieder vergingen Tage, bevor man uns zum Ziel brachte. Es waren alles fremde Menschen. Das war schwer. Dann ging es wieder auf Autos nach Heiligenstadt, heute Eichsfeld. Mit Pferdegespannen holten uns die Dorfbewohner vom kleinen Ort Linden am Bahnhof ab. Ach Gott, auch dort wollte man uns gar nicht gern haben. Freilich sahen wir ungepflegt aus. Auch nur ein Zimmer, ein Bett, ein alter Ofen. Aber bald kam eine Nachricht von meinem Vater. Ich ging stundenlang zu Fuß, holte ihn zu uns. Nun wollten wir ein neues Leben anfangen, aber womit, hatten kein Geld. Wir bemühten uns, ganz bescheiden zu leben. Mein Vater war krank von den Misshandlungen im Lager Lerchenfeld.

 
   

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