Es begann in Türmitz

von Dr. Dieter Seehars,
Klaus-Groth-Straße 8, 25842 Langenhorn, SH
 

Teil 1
Mein in Kommern bei Brüx geborener Urgroßvater Ferdinand Seehars trat Mitte des 19. Jahrhunderts seine erste Stelle als Lehrer in Wannow a. d. E. an und heiratete hier 1857 die 16-jährige Bauerntochter Maria Theresia Hartlich. Sie gebar ihm in Wannow 4 Kinder, darunter auch meinen Großvater Franz (* 1870). Ferdinand wurde später nach Mariaschein versetzt, wo vier weitere Kinder das Licht der Welt erblickten. Maria Theresia überstand 6 zusätzliche Schwangerschaften in Form von Tot- oder spontanen Fehlgeburten. Mein Urgroßvater wurde 1880 wegen eines Zerwürfnisses mit der kirchlichen Schulaufsicht nach Türmitz strafversetzt, wo seine Frau 1887 im Alter von 47 Jahren an einer Gehirnlähmung verstarb. Der Witwer heiratete im Jahre 1890 die aus dem Erzgebirge stammende Gärtnerstochter Sophie Schwan, aus dieser zweiten Ehe ging  ein Jahr später der Sohn Rudolf hervor. Ferdinand Seehars starb im Jahre 1909 mit 73 Jahren im Hause Türmitz Nr. 283 (Straßennamen wurden erst später eingeführt), betreut von seiner Frau Sophie und seiner Tochter Emilie Berwitsch. Das Grab von Emilie und ihrem Ehemann, dem Lehrer und Sprechwart des deutschen Turnvereins Türmitz, Gustav Berwitsch, mit prächtigem Grabstein existierte im Jahre 2001 noch auf dem Türmitzer Friedhof. Das Haus Nr. 283 gehörte im Jahre 1927 dem Kaufmann Franz Rilke.
 
Von der Existenz des Rudolf Seehars erfuhr ich aus Erzählungen zweier damals lebender Zeitgenossinnen. Eine war meine Großmutter Emilie, geboren 1884 in Schwaz bei Bilin, die nach dem frühen Tode ihrer Eltern Anna, geb. Hauptvogel, und Franz Mattauschowitz im Jahre 1891 bzw. 1892 bis 1905 in Türmitz als Vollwaise bei der Familie ihres Onkels Wenzel Hauptvogel lebte. Die andere war die einzige noch lebende Enkelin des Ferdinand, meine Großtante Ilse Platzek, Tochter des Türmitzer Fotografen Josef Lischka und heute in Lippstadt / Westf. wohnend. Beide berichteten übereinstimmend, dass der ihnen noch persönlich bekannte Rudolf im Alter von ca. 23 Jahren nach Russland emigriert ist und sie kaum noch etwas von ihm gehört haben. Mein Großvater Franz verließ nach Abschluss seiner Lehre seine böhmische Heimat bereits im Jahre 1890 noch vor der Geburt seines Halbbruders Rudolf, um in den österreichischen Kernlanden, Großbritannien und im Deutschen Reich zu arbeiten, er sah Böhmen nie wieder. Mein Interesse an Rudolf war damals als junger Mensch nur sehr begrenzter Natur.
 
So wäre denn das Lebensschicksal des Rudolf Seehars und eventueller Nachfahren im Dunklen geblieben, wenn mir nicht ein glücklicher Umstand zur Hilfe gekommen wäre. Im Sommer 2003 entdeckte ich in der Internet-Präsentation des Aussiger Hilfsvereins das Türmitzer Häuserverzeichnis aus dem Jahre 1927 und hier die Häuser meiner Verwandten, der Schwestern Ida und Wilma Hauptvogel, Fabrikstraße 343, sowie des Apothekers Karl und Erna Metze, geb. Hauptvogel, in der Schillerstraße 20. Ich trug mich daraufhin im November 2003 in das Gästebuch des Aussiger Hilfsvereins ein, um mich bei ihm für das ausgezeichnete Türmitzer Häuserverzeichnis zu bedanken und erwähnte dabei auch die Namen meines Urgroßvaters, des Lehrers Ferdinand Seehars und seiner zweiten Frau Sophie.
 
Mitte Januar 2004 erreichten mich zwei E-Mails einer Alicia Wegner aus Göttingen, die meine Eintragung ins Gästebuch des Aussiger Hilfsvereins gelesen hatte und mir mitteilte, dass Rudolf Seehars ihr Urgroßvater und dessen Eltern Sophie und der Lehrer Ferdinand Seehars aus Türmitz wären und sie sehr interessiert sei, Näheres über ihre beiden 16-Ahnen zu erfahren. Diese für mich sehr überraschende Nachricht bedeutet, dass ihr Urgroßvater Rudolf tatsächlich der Halbbruder der 8 Kinder des Ferdinand Seehars aus erster Ehe war, wir beide über diese Linie also in einem verwandtschaftlichen Verhältnis stehen. Zwei weitere E-Mails von A. Wegner beschrieben die Lebensläufe des Rudolf Seehars und seiner Nachkommen. Danach wurde Rudolf zu Beginn des 1. Weltkrieges im Jahre 1914 in die k.u.k-Armee eingezogen und kämpfte für Kaiser und Vaterland an der Ostfront, wurde bald von den Truppen des Zaren gefangen genommen und musste mehrere Jahre in russischer Gefangenschaft zubringen. Er erlebte hier auch den Zusammenbruch des Zarenreichs und die revolutionäre Machtergreifung durch die Bolschewisten mit Bildung der UdSSR. Erst gegen 1930 weilte er wieder einige Wochen zu Besuch in seiner Heimatgemeinde Türmitz, wo ihm nach Aussagen meiner Großtante Ilse von der nicht mit ihm verwandten, vermögenden Familie des Apothekers Metze Brot und Logis gewährt wurde. Der völlig mittellose Rudolf klapperte alle Verwandten in Türmitz ab und bat um Geld, er wurde hier vor allem vom Apotheker großzügig unterstützt. Er kehrte nolens volens wieder in die Sowjetunion zurück, wo er in einem kleinen Dörfchen im Gebiet Kiew in der Ukraine wohnte und 1933 die Russlanddeutsche Augusta Bleich, die er bereits während seiner Kriegsgefangenschaft kennengelernt hatte, heiratete. Die Familie Seehars lebte 6 Jahre in der Ukraine, wo 1934 auch die Tochter Wilma das Licht der Welt erblickte. Die Türmitzer Verwandten hörten nicht mehr viel von Rudolf, erhielten aber eine Geburtsanzeige der Tochter Wilma. Sie schickten daraufhin ein Paket mit Babywäsche nach Russland, dessen Erhalt aber von Rudolf nie bestätigt wurde. Die Familie Seehars zog dann an die Wolga unweit Saratow, wo Rudolf an einer deutschen Schule als Lehrer tätig war. Allerdings wusste niemand in Türmitz davon, dass er eine Ausbildung zum Lehrer absolviert hatte. So ist wahrscheinlich, dass ihm seine perfekten deutschen Sprachkenntnisse zustatten gekommen waren. Rudolf wurde während seines Aufenthaltes an der Wolga immer wieder für kurze Zeit von den staatlichen Organen verhaftet. 1941 reiste er in die kasachische SSR in die Nähe von Alma Ata, wo er über Beziehungen eine Stelle als Lehrer gefunden hatte. Nach Abwicklung der Formalitäten wollte er wieder zurück an die Wolga, um seine Familie nachzuholen. Während seiner Rückreise brach aber der zweite Weltkrieg aus, und er wurde erneut verhaftet und von seiner Familie nie wiedergesehen.
 
Erst 1994 erfuhr die Familie von Alicia Wegner, dass Rudolf nicht weit von der kasachischen Hauptstadt Alma Ata irn April 1942 erschossen und seine Habe einschließlich Dokumenten und Fotos von den Behörden konfisziert worden war. Auf Anforderung bei russischen Behörden erhielt die Familie die Dokumente zugeschickt, ein Foto von Sophie Seehars mit dem Namen des Türmitzer Fotografen Josef Lischka auf der Rückseite war auch dabei, außerdem Fotos von Ferdinand und Rudolf Seehars.
 
Die Augusta Seehars und Tochter Wilma wurden Anfang der 50-er Jahre von der Wolga in das Industriegebiet Kuzbass nach Krapiwino nahe Kemerowo, Sibirien, deportiert. Hier lernte Wilma den ebenfalls in diese Region deportierten Wolgadeutschen Karl Wegner kennen und heiratete ihn im Jahre 1957. Dem Ehepaar wurden in Krapiwino 3 Kinder geboren, deren ältestes, Tarnara, * 1957, im Jahre 1980 den Rußlanddeutschen Immanuel Kaiser heiratete, von dem sie bereits nach 2 Jahren wieder geschieden wurde. Zwischen 1957 und 1965 kehrte die Familie wieder nach Kasachstan zurück. Augusta Seehars, geb. Bleich, starb 1965 in Alexandrowka bei Alma Ata, Kasachstan. Der Verbindung von Tarnara Wegner und Immanuel Kaiser entsprang die oben erwähnte Alicia Wegner, geboren im Jahre 1981 im Dörfchen Nowo Alekseevka, 30 km von Alma Ata entfernt. Alicias Großmutter Wilma Wegner, geb. Seehars, starb im Jahre 1994 in Alexandrowka, Kasachstan.
 
Alicia Wegner und Familie übersiedelten im August 1995 von Kasachstan nach Deutschland, ebenso die Geschwister ihrer Mutter Tarnara mit ihren Angehörigen. Sie übersandte mir einige gescannte Fotografien von Sophie. Ferdinand und Rudolf Seehars sowie eine Aufnahme des Grabes der Sophie auf dem Türmitzer Friedhof per E-Mail.
Bearbeitung für das Intenet von K.H. Kralowetz

Die Türmitzer Apotheke, einst und heute

Teil II

von Dr. Dieter Seehars,

Klaus-Groth-Straße 8, 25842 Langenhorn, SH

  
Im ersten Teil [1]  hatte ich die Entwicklung der Türmitzer Apotheke in der Schillerstraße vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zu meinem Besuch im Jahr 2001 geschildert. Anfang Juni 2005 besuchte ich mit meiner Frau von Prag aus erneut Türmitz und auch die Gogolová (Schillerstraße) und stellte bedauernd fest, dass die Apotheke aus dem Doppelhaus 20/22 ausgezogen war und ca. 500 m weiter östlich an der Tyršová (Jahnstr.) eine neue Bleibe gefunden hatte. Von außen sah sie freundlicher und repräsentativer aus und trug weithin erkennbar auf einem großen beleuchtbaren Schild die Bezeichnung „Eurolékárna“. Damit sah die schwarz-graue Fassade des Hause in der Gogolová noch trister aus als vorher, zumal die beiden Eingänge mit großen Verbundsteinen lieblos zugemauert waren und die Bewohner der ersten Etage nur durch die große, oben mit Rundbogen abgeschlossene Einfahrt und Nebeneingänge in ihre Wohnungen gelangen können. Das Erdgeschoss war komplett unbewohnt. Nachdem die Fassade des linken Nachbarhauses bereits vor einiger Zeit erneuert worden war, erstrahlte auch die Fassade des rechten Nachbarhauses in neuem Glanz und war mit rosa Farbe gestrichen worden. Ein anschließender Besuch auf dem Friedhof erbrachte keine neuen Erkenntnisse.
Von meiner Großtante Ilse Platzek, geb. Lischka, Tochter des Fotografen Josef Lischka, bis 1945 in der Jägerzeile (Lovecká) 433 wohnend, erfuhr ich nach meiner Rückkunft, dass die Gruft der Apothekerfamilie Metze auf dem Friedhof noch existieren soll. So starte ich eine neue Recherche und verfasse im Gästebuch des Aussiger Hilfsvereins einen kurzen Eintrag, in dem ich meine Erkenntnisse über die Apotheke und die Apothekerfamilie Metze mit nicht auffindbarem Grab beschrieb. Daraufhin erreichte mich eine E-mail [2] des aus den heute polnischen deutschen Ostgebieten stammenden Dresdners K. Manthey, der mir ein Foto der Apothekergruft mit der Friedhofskapelle im Hintergrund als Attachment übersandte. Im Zentrum des großen Grabsteins war ein weißer Zettel der Friedhofsverwaltung angebracht, der wahrscheinlich entsprechend dem neuen Friedhofsgesetz der ČR von 2005 die Ankündigung zur Auflösung enthielt, sofern Interessierte nicht bereit sind, pro Jahr einen Obulus für das Weiterbestehen zu zahlen. Manthey hat es sich zu seinem Hobby erkoren, alles, was in den ehemaligen deutschen Ostgebieten an das Deutschtum erinnert, vor allem alte Grabstätten, mit seiner Digitalkamera zu fotografieren und seiner großen Datei von ca. 20000 Fotos hinzuzufügen. So kann man von etwas kuriosen Freizeitgestaltungen von Zeitgenossen manchmal unerwartet profitieren.
Im Jahre 2006 fuhr ich mit meiner Frau erneut nach Ůstí nad Labem und weiter mit dem Bus Nr. 3 nach Türmitz, um auf dem Friedhof das Metze-Grab zu suchen. Meine Frau fand die Gruft ziemlich schnell, zumal wir auf dem langgestreckten Friedhof nur in der Nähe der Kapelle suchen mussten. Der weiße Zettel war wieder vom Grabstein entfernt worden, warum, weiß ich nicht. Die Gruft wird durch einen großen dreiteiligen Grabstein mit hoher zentraler Stele und der Inschrift „Familie Metze“ in großen Buchstaben begrenzt. Im unteren Bereich sind an beiden Seiten in quadratischen Hohlräumen und auf der Stele drei schwarze Platten mit den eingravierten Namen der Toten in gut lesbarer heller Schrift angebracht. Sie enthalten die Namen von 4 Familienangehörigen, u. a. des Ph. Mh. Hans Metze, Apotheker, * 1848, † 1922 und seines Sohnes Ph. Mr. Karl Metze, Apotheker, * 1896, † 1937. Das Geburtsdatum des Hans Metze lässt vermuten, dass er ca. 1872 sein Apothekerstudium beendet und um diese Zeit das Doppelhaus Nr. 20/22 entweder erworben oder erbaut hat. Die die Gruft verschließende schwere Steinplatte liegt nicht vollständig auf der Betoneinfassung auf, so dass an der Frontseite und den Längsseiten mehrere Öffnungen vorhanden sind und ein wenig Licht ins Innere dringt. Die Vorderfront der Einfassung ist verkantet. Es sieht so aus, dass die Gruft nach 1945 gewaltsam mit untauglichen Mitteln geöffnet und später die schwere Platte wieder fallen gelassen wurde. Meine Neugierde gewinnt schnell Vorrang vor der Pietät zu den Verstorbenen, und ich halte meine Digitalkamera unter Einschaltung des Blitzlichtmechanismus‘ in eine Öffnung. Beim Studium der Fotos entdecken wir 4 Metallsärge in der Gruft entsprechend den Grabsteininschriften. Bei allen Särgen ist der Frontbereich aufgebrochen! Was mich überrascht, ist das Fehlen des Sarges meiner Blutsverwandten Erna Metze, geb. Hauptvogel, auch auf der schwarzen Tafel unter ihrem Ehemann Karl fehlt der Name, die Fläche ist frei geblieben. Ich kann nur vermuten, dass die 1943 Verstorbene in einem Einzelgrab auf dem Friedhof beigesetzt und das Einzelgrab wie die meisten anderen von den tschechischen Behörden aufgelöst wurde. Der Grund für die außerhalb der Gruft beigesetzte Erna ist mir unbekannt, veranlasst mich aber zu Spekulationen, deren Beweis ich allerdings schuldig bleiben muss.
Auf die Veröffentlichung meines Artikels im „Aussiger Bote“ [1] im September 2002 erhielt ich nach kurzer Zeit zwei Reaktionen. Am 12. 9. 2002 erreichte mich eine Postkarte [3] und am 17. 9. 2002 ein Anruf [4] der ehemaligen Türmitzerin Alice Hartl, geb. Schmied aus Prien am Chiemsee, Jahrgang 1927. Sie teilte mir mit, dass sie bis zur Ausweisung im Jahre 1946 noch in der Türmitzer Apotheke gearbeitet hatte. Vor Kriegsende war die Apotheke im Besitz des deutschen Apothekers Adam Finger, einem Mann mittleren Alters. Es ist wahrscheinlich, dass Adam Finger die Apotheke von der 1943 gestorbenen Erna Metze erworben und schon vor ihrem Tod dort als Angestellter tätig war. Frau Hartl war vor dem Zusammenbruch bei der deutschen Reichsbahn als Buchhalterin beschäftigt und wurde nach Kriegsende von den tschechischen Behörden vom Dienst suspendiert. Sie fand dann Arbeit in der Apotheke, wo sie sich als Laborantin betätigte. Nachdem Adam Finger wenig später von den Tschechen ausgewiesen wurde, wurde sie vom nachfolgenden tschechischen Apotheker Josef Vosátka mangels verfügbarer Laborantinnen übernommen, ehe sie im Laufe des Jahres 1946 ebenfalls die ČSR verlassen musste. Frau Hartl wies mich noch auf die in ihrer Nähe am Chiemsee in Chieming lebende Frau Margit Kritzeder, geb. König, Jahrgang 1923, hin, die ebenfalls alte Türmitzerin ist und noch Kenntnisse vom Ehepaar Metze hat.
Am 22. 9. 2002 erreichte mich ein Anruf von Frau Kritzeder [5], die noch gute Erinnerungen sowohl an das Ehepaar Metze als auch an die in der Fabrikstraße 343 wohnende mit mir verwandte Familie Hauptvogel, vor allem die Schwestern der Erna Metze, Lehrerin Ida und Beamtin Wilma Hauptvogel hatte. Sowohl Metze wie Hauptvogel galten in der 7000-Seelen-Stadt als die Begüterten. Ihre Cousine ging noch bei Ida Hauptvogel in die Schule. Frau Kritzeder kannte auch die Familie des Fotografen Josef Lischka, die im dritten Reich ihren Namen in Lischner eingedeutscht hatte. Frau Kritzeder verließ 1945 während der wilden Vertreibung ihre Heimat.

Im Jahre 2007 besuchte ich im Rahmen eines Urlaubs in der Sächsischen Schweiz erneut Türmitz. Am Metze-Haus sah die Fassade nach wie vor erschreckend aus. Ein Kurzbesuch am Friedhof brachte mir keine neuen Erkenntnisse, auch eine erneute Suche im gesamten Friedhof nach dem Grab der Erna Metze verlief ergebnislos.

Am 12. 11. 2007 erreichte mich ein Anruf von Frau Elisabeth Bschoch, geb. Sterlike [6], aus Zwiesel im Bayrischen Wald. Sie ist eine alte Türmitzerin und mir als Verfasserin einer Reihe von Artikeln im „Aussiger Bote“ bekannt. Sie hat ebenfalls Erinnerungen an das Ehepaar Metze und die Familie Hauptvogel von der Fabrikstraße. Sie teilt mir mit, dass der Apotheker Metze nicht nur an seinen Alkoholexzessen, sondern auch an der übermäßigen Inkorporation von Morphium, wahrscheinlich wegen starker Schmerzen, zugrunde gegangen war. Es hatte sich in der Stadt herumgesprochen, dass er süchtig war, am Ende eine  Leberzirrhose hatte und im Gesicht ganz gelb aussah, was auf eine Gelbsucht durch die Disfunktion der Leber hindeutet. Mit 41 Jahren, und nicht wie in [1] berichtet, mit 50 Jahren  hatte sein Leben ein Ende. Frau Bschoch meinte noch, dass die Gruft der Familie Metze nicht durch Tschechen, sondern nach 1945 zugezogene Zigeuner geschändet worden war, die es auf die Preziosen im Kopf- und Halsbereich der Toten abgesehen hatten. Frau Bschoch bestätigte mir, dass der von Frau Hartl erwähnte Apotheker Adam Finger der direkte Nachfolger von Karl Metze war. Somit lässt sich die Namensliste der Besitzer der Apotheke von Anbeginn bis unter die Ägide der ČSR festlegen:

Hans Metze (ab ca. 1872 bis ca. 1920) → Karl Metze (ca. 1920 bis 1937) → Adam Finger (1937 bis 1945) →  Josef Vosátka (1945 bis ?).

Über die Nachfolger von J. Vosátka ist mir nichts bekannt, wenn ich davon absehe, dass ich den letzten Apotheker in der Gogolová im Jahre 2001 persönlich kennengelernt habe. Er erinnerte sich noch daran, dass er den Namen Metze in alten Akten gelesen hatte.

Im Jahre 2005 endet die Existenz der Apotheke in der Schillerstraße/Gogolová, sie verlässt das von der Substanz her früher so schöne Haus und wandert ca. 500 m östlich in die ul. Tyršová ab. Mit dem Auszug der Apotheke ging es mit dem Zustand des Doppelhauses rapide abwärts. Das gesamte Erdgeschoss war unbewohnt bzw. ungenutzt, einer der beiden mit großen Verbundsteinen zugemauerten Eingänge wurde immerhin, wenn auch lieblos, verputzt (Bild 1).
 

 Bild 1: Fassade des ´Hauses Schillerstr./Gogolova 20/22.... 2005. (Foto: Dieter Seehars)
 

So hegte ich schon Befürchtungen, dass auch angesichts der Renovierungsmaßnahmen an den Nachbarhäusern das Haus abgerissen werden könnte und einem Neubau weichen müsste. Immerhin blieb neben der ramponierten Fassade das schöne große Holztor der Einfahrt, allerdings einen Schutzanstrich gebrauchend, erhalten.

Am 16. 3. 2008 schrieb ich eine E-mail an den Web-Master der „Heimatfreunde Aussig“, der Nachfolgeorganisation  des aufgelösten „Aussiger Hilfsverein, e. V.“, K. H. Kralowetz mit einigen Fragen zur Fabrikstraße (továrni třida). Er leitete mich an den zwischen 1954 und 1982 in Tümitz lebenden tschechischen Herrn Jirka Šich, nunmehr in Něstěmice wohnend, weiter. J. Šich erwies sich für mich betreffs Türmitz als wahre Goldgrube, zumal er bei meinen nur mäßigen Tschechischkenntnissen gut Deutsch spricht. Wir tauschten viele E-mails aus, trafen uns mit ihm in Ůstí nad Labem am Hauptbahnhof und wanderten mit ihm über Větruše (Hotel inzwischen renoviert) und am Elbhang entlang zum Wannower Wasserfall und Workotsch, von hier abwärts nach Wannow, Geburtsort meines Großvaters. Wir besuchten an diesem Tage noch den Türmitzer Friedhof und besichtigten auch das noch existierende Haus Jägerzeile (lovecká) 433, in dem meine heute in Lippstadt/Westf. lebende Großtante Ilse Platzek, geb.Lischka, bis 1945 gewohnt hatte.

Am 29. 3. 2009 erreichte mich eine E-mail von Jirka Šich [7] mit einem Foto des Hauses Gogolová 20/22 (Bild 2), das in mir sehr ambivalente Gefühle erzeugte.

 

 Gogolova 20/22 mit renovierter Fassade im Jahre 2010". (Foto von Jirka Šich vom 29. 3. 2010)
 

Einerseits war die Fassade vollständig renoviert und mit heller grüner Farbe gestrichen worden. Die horizontalen Flächen unter der Dachrinne und unten über dem Fundament und die vertikalen säulenartigen, früher abgegrenzten Flächen zwischen den Fenstern, den ehemaligen Eingängen und der Einfahrt erstrahlten in dunkelgrüner Farbe. Insgesamt bot sich uns die Fassade in einem freundlichen Zustand dar, abgesehen von den 3 angebrachten Parabolantennen, ein Zugeständnis an die moderne Zeit. Andererseits waren alle schönen nach 1945 abgeschlagenen oder erhalten gebliebenen Stuckelemente bis auf 12 neue schlichte Elemente oberhalb der Fenster beider Etagen entfernt worden. Die Fassade hatte sich in die eines schlichten Wohnhauses verwandelt. Dennoch bin ich froh, dass das Haus an der Schillerstraße 20/22 damit erhalten geblieben ist und sich würdig in die beiden Nachbarhäuser einreiht. 

Fazit: Ich habe es versäumt, mir die vielen offenen Fragen von meinen Großeltern und Eltern zu deren Lebzeiten beantworten zu lassen, weil ich als jüngerer Mensch kaum Interesse an meinen böhmischen Vorfahren hatte, was vor allem mein Vater immer wieder bedauerte. Jetzt ist mein Interesse groß, aber niemand mehr da, den ich fragen könnte.

 

 Quellenvereichnis

 

[1] Dr. Dieter Seehars

     Die Türmitzer Apotheke, einst und heute

     Aussiger Bote 54, Jahrgang/Folge 1, September 2002, S. 263 – 265. 

 

[2] Klaus Manthey

     Dresden

     klaus01139@t-online.de

     8. 11. 2005

 

[3]  Alice Hartl, geb. Schmied

      Prien am Chiemsee (ehemals Türmitz)    

      Schriftliche Mitteilung, 12. 9. 2002

 

[4]  Alice Hartl, geb. Schmied

      Prien am Chiemsee (ehemals Türmitz)

      Mündliche Mitteilung, 17. 9. 2002

 

[5]  Margit Kritzeder, geb. König

      Chieming am Chiemsee (ehemals Türmitz)

      Mündliche Mitteilung, 22. 9. 2002

 

[6]   Elisabeth Bschoch, geb. Sterlike

       Zwiesel, Bayrischer Wald (ehemals Türmitz)

       Mündliche Mitteilung, 12. 11. 2007

 

[7]   Jirka Šich

       Něstěmice bei Ůstí n. L.

       laer@seznam.cz

       29. 3. 2009
       Dieter Seehars, Klaus-Groth-Str. 8, 25842 Langenhorn/SH

  Teil III

       

Studie zur Einwohnerentwicklung von Türmitz (Trmice) in Böhmen

Für die Zusammenstellung der Einwohnerzahlen in der Tabelle 1 wurden in einigen Fällen Angaben aus einschlägigen Zeitschriften und Büchern deutscher Provenienz benutzt. In der Regel allerdings wurden Recherchen im WEB durchgeführt. Hier handelt es sich bis auf drei Ausnahmen um tschechische Quellen. Eine Diskrepanz zwischen den tschechischen amtlichen Stellen und deutschen Angaben soll hier erwähnt werden: im Jahre 1930 findet man in  „R. Hemmerle, Sudetenland (Wegweiser durch ein unvergessenes Land)“, Flechsig-Verlag, ohne Angabe der Quelle eine Einwohnerzahl von 7593 Menschen, die amtliche tschechische Quelle gibt 8522 Menschen an. Dem Verfasser gelang es bislang nicht, hierfür eine Erkllärung zu finden. Ein Anruf bei der Stadtverwaltung von Aussig brachte ihn ebenfalls nicht weiter, hier hielt man die sich unter der Ägide der tschechoslowakischen bzw. tschechischen Verwaltungen naturgemäß an die Daten aus tschechischen Quellen.

Tabelle 1: Einwohnerentwicklung von Türmitz (Trmice) in 3 ½ Jahrhunderten
 

Jahr

Anzahl der Häuser

Einwohner

Quellenangabe

     1654 (*)

33

ca. 200 (*)

           http://wikipedia.org

     1771 (*)

105

ca. 600  (*)

Aussiger Bote 57/1

1830

115

648

http://wikipedia.org

1860

 

700

Pierer’s Universal- Lexikon

1869

222

2212

http://vdb.czso.cz/vdbvo/ (**)

1880

252

2892

http://vdb.czso.cz/vdbvo/

1890

278

3756

http://vdb.czso.cz/vdbvo/

1900

342

5119

http://vdb.czso.cz/vdbvo/

1910

417

6559

http://vdb.czso.cz/vdbvo/

1921

510

7969

http://vdb.czso.cz/vdbvo/

1930

663

8522

http://vdb.czso.cz/vdbvo/

1936

 

8201

Aussiger Bote 57/1

1939

697

6814

http://wikipedia.org

1947

 

5790

Aussiger Bote 57/1

1950

799

5945

http://vdb.czso.cz/vdbvo/

1961

745

5982

http://vdb.czso.cz/vdbvo/

1970

693

4950

http://vdb.czso.cz/vdbvo/

1980

660

3957

http://vdb.czso.cz/vdbvo/

1991

446

1824

http://vdb.czso.cz/vdbvo/

2000

 

        2994 (**)

http://vdb.czso.cz/csu/

2001

530

2671 (**)

http://vdb.czso.cz/csu/

2002

 

2721 (**)

http://vdb.czso.cz/csu/

2003

 

 2786 (**)

http://vdb.czso.cz/csu/

2004

 

 2862 (**)

http://vdb.czso.cz/csu/

2005

 

 2969 (**)

http://vdb.czso.cz/csu/

2006

 

 3045 (**)

http://vdb.czso.cz/csu/

2007

 

 3052 (**)

http://vdb.czso.cz/csu/

2008

 

 3100 (**)

http://vdb.czso.cz/csu/

2009

 

 3203 (**)

http://vdb.czso.cz/csu/

 * : Einwohner aus der Anzahl der Häuser geschätzt (s. auch AB, Februar 2011, Seite 42); 
1869 - 1950: Gesamtzahl der Häuser; 1961-1980: Anzahl der dauerhaft bewohnten Häuser;
1991 - 2001: Gesamtzahl der Häuser
 
**: Quelle: veřejná databáze ČSŮ (öffentlich zugängliche Datenbasis der ČR)
2000 – 2009: Erhebungen jeweils 31. 12. d. J.

 

Bemerkungen: 

Türmitz wurde 1305 erstmals urkundlich erwähnt, ist aber wohl noch älter. Eine slawische Siedlung am gleichen Ort im damaligen Herrschaftsbereich der Přemisliden (Quelle: J. K. Hoensch: Geschichte Böhmens) kann bis ins 11. Jahrhundert zurückdatiert werden (Quelle: wikipedia.org/wiki/trmice).

Im Jahre 1664 erhielt Türmitz das Stadt- und Marktrecht durch Kaiser Leopold I.

Im Jahre 1939 wurde Türmitz durch die Nationalsozialisten nach Aussig eingemeindet, die Beneš-Republik nach Kriegende und ab Mai 1948 die Kommunisten hielten diesen Status  bei. Erst 1994 wurde der Ort wieder selbstständig und erhielt die Stadtrechte zurück. Erneute Versuche der Eingemeindung durch die Stadt Aussig scheiterten bislang am Widerstand des Magistrats von Trmice.

 

Bevölkerungsbewegungen 

Das unterschiedliche Bevölkerungswachstum der Stadt Aussig und des ehemaligen Vorortes Türmitz dokumentíert sich in den folgenden auseinander driftenden und jeweils ca. 60 Jahre auseinander liegenden Prozentsätzen der Einwohneranzahlen von Türmitz zu Aussig: 1830: 37 %, 1890: 14.9 %, 1950: 9.3 % und 2009: 3.4 % (Quelle für Aussig: ebenfalls http://vdb.czso.cz).

Sprunghafte Zunahme der Bevölkerung von Türmitz zwischen 1860 und 1869 durch die einsetzende Industrialisierung, insbesondere den Braunkohleabbau. Der tschechische Anteil an der Bevölkerung vergrößerte sich durch die Schaffung vieler Arbeitsplätze beträchtlich. Bis 1930 permanentes Anwachsen der Bevölkerung mit einem Maximum von über 8500 Einwohnern, verbunden mit einer flächenmäßigen Ausdehnung. Abnahme der Bevölkerung im Jahre 1939, weil tschechische Verwaltungsbeamte, Polizei und Militär durch die Angliederung des Sudetenlands an das Reich ins Kernland auswichen. Nachrückende Reichsdeutsche Beamte, Militär und sonstige Angehörige des NSDAP-Parteiapparates konnten die Verluste nicht kompensieren.

Starke Abnahme in den Jahren 1945/46 durch die fast totale Vertreibung der Deutschböhmen. Die zum Teil von den tschechischen Behörden erzwungene Ansiedlung von Tschechen als notwendige Arbeitskräfte aus dem Landesinneren und Zigeunern insbesondere aus der Slowakei konnte die Verluste nicht kompensieren. Bis ins letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts nahm die Bevölkerung auf unter 2000 Einwohner ab, wohl auch wegen des rücksichtslosen Raubbaus der Kommunisten (Fünfjahrespläne) an der Natur in dem südwestlich liegenden und bis an den Stadtrand von Türmitz reichenden Braunkohleabbaugebiet und dem riesigen Chemopetrolwerk Žalužy mit den entsprechenden Geruchsemissionen und der horrenden Luftverschmutzung.  Die starke Abnahme der Anzahl der Häuser um 44 % zwischen 1950 und 1991 ist auf den Abriss der seit Ende des 2. Weltkrieges  leer stehenden und verfallenden Häusersubstanz zurückzuführen. Die von den noch 1930 2/3 der Bevölkerung stellenden Deutschen samt dem gesamten Inventar zurückgelassenen Häuser wurden nur zum Teil von den nachrückenden Tschechen und Roma belegt. Außerdem wurden von den Kommunisten Häuser wegen Industrie- und Firmenansiedlungen (z. B. Fabrikstraße) abgerissen. Zwischen 1991 und 2001 setzte eine rege Bautätigkeit und Renovierung von alten Häusern ein.

Mit der samtenen Revolution und der Ansiedlung von umweltfreundlicheren Firmen und einem großen Supermarkt nach westlichem Standard am östlichen Stadtrand mit neuen Arbeitsplätzen erfolgte wieder ein Zuzug von Menschen. Abgesehen von einer deutlichen Abnahme von 2000 zu 2001 um 323 Einwohner (Grund unbekannt) nahm die Bevölkerung von 2001 bis 2009 kontinuierlich um 532 Einwohner zu. Auch das Anfang der 90-er Jahre des vorigen Jahrhunderts noch schmuddelige Stadtbild mit verrußten Fassaden bekommt seit dem Beitritt der ČR zur EU durch zahlreiche Renovierungsmaßnahmen langsam aber sicher ein freundlicheres Aussehen.

Im Jahre 2009 lag das durchschnittliche Alter der 3203 Türmitzer Bürger bei 35.8 Jahren und damit am unteren Ende aller Gemeinden des Kreises Aussig. Wahrscheinlich ein Hinweis auf den hohen Anteil an Roma, die sich im Gegensatz zu den Tschechen überproportional vermehren. Für die Stadt Aussig betrug der entsprechende Wert 40.0 Jahre (Quelle: http://wikipedia.org/wiki/Ůstí. - Český statistický uřad). Hier wohnen zwar auch viele Roma, aber die hohe Anzahl an tschechischen Einwohnern lässt sie statistisch irrelevant bleiben.

                                                        Dr. Dieter Seehars, Klaus-Groth-Str. 8, 25842 Langenhorn, SH

 

 

 

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