Mariaschein,

mit 414 Häusern, 3766 Einwohnern, liegt am Fuße des Erzgebirges unterhalb der alten Bergstadt Graupen in geschützter Lage nach Süden offen, im Norden beschirmt vom Mückenberg, zwischen und an den Bahnstrecken Aussig - Teplitz und Bodenbach - Ossegg. Seehöhe der Station der Aussig-Teplitzer-Eisenbahn 200 m. 246 m Basis des Klosters. Eisenbahnstation der Aussig-Teplitzer-Eisenbahn (untere Bahn), Haltestelle Mariaschein-Kalvarienberg (obere Bahn), Post, Pfarre und Schule im Orte.Die heutige geräumige Siedlungsfläche des Ortes, die an der Kreisgrenze mit der Stadt Graupen verschwimmt,

Ansichtskarte von Mariaschein, Bez. Aussig an der Elbe

entstand aus drei Ortsteilen: dem Althof, der Kirche mit der Jesuitenresidenz und dem Bauerndorfe Schein. Der Althof ist die älteste Siedlung, vielleicht älter als die Stadt Graupen. Er bildete eine Wasserburg mit einem 14 m breiten Wassergraben, der noch heute besteht und war anscheinend das Vorwerk zur Rosenburg in Graupen, mit der er sein geschichtliches Schicksal teilt. Die Siedlung um die Kirche umfaßt zwei größere Ortsplätze. Auf dem oberen Platze steht ein weithin leuchtendes Kreuz, unter dem nach der Volksüberlieferung 300 deutsche Ritter begraben sein sollen, die nach der Schlacht bei Aussig (auf der Bihana) im Jahre 1426 von den nachdrängenden Hussiten niedergemetzelt wurden. In der Mitte des unteren Ortsplatzes ostwärts der Kirche steht eine Brunnenanlage mit einer schönen Johannesstatue. Die um die beiden Plätze liegenden Häuser wurden erst nach 1668 von den angesiedelten Handwerkern errichtet. Dieser Ortsteil wurde "Oberscheine" genannt. Die Häuser Nr. 22 (jetzt Gasthaus "Ritter von Bleileben" stammen aus der Zeit der Jesuitenherrschaft. Unterhalb der Schule liegt, vornehmlich von Bauern bewohnt, der ursprüngliche Ort Scheune, auch Niederscheine genannt. Die älteste Bauernfamilie dieses Ortes wohnt in Nr. 52 (Pieschel seit 1642). Das älteste Haus ist Nr. 56, jetzt verfallen. Hier wohnte seit 1706 die Familie Kleinickl. Die Kirche mit der Residenz der Grundherren wurde bis 1670 "Untergraupen", seit dieser Zeit aber "Mariaschein" benannt, welche Bezeichnung 1780 für alle drei Orte eingeführt wurde.

Der Hügel oberhalb des Ortes, der mit einer Kreuzigungsgruppe versehen ist und deshalb Kalvarienberg genannt wird, ist seit 1787 im Besitze der Gemeinde. Von hier aus hat man eine lohnende Aussicht über den Ort und das ganze Tal. Die im Volksmunde als   "Freßbrunnen" bezeichnete Heilquelle beim Hause Nr. 44 in Theresienfeld war schon im 16. Jahrhundert bekannt.

Das Dorf Scheune, auch Scheine genannt, ist an sich wohl eine jüngere Siedelung, die sich beim Vorwerk Scheune gebildet hat, das 1446 das erstemal genannt wird. 1561 gehörte das Dorf zur Herrschaft Geiersberg. Das Vorwerk Scheune war 1590 im Besitz eines Dietrich von Langwitz, seit 1618 gehörte es dem Albrecht Kekule von Stradonitz, bezw. seiner Frau, kam dann um 1622 an Alexander Regnier von Bleileben und nach dem Tode seiner Witwe in den Besitz der Jesuiten, die den Hof 1666 parzellierten. (Es sind die jetzigen Wirtschaften Nr. 46 und 48). Die Verwertung der bei diesem Vorwerk befindlichen großen Kellereien behielt sich die geistliche Obrigkeit vor. 1673 wurde hier ein obrigkeitliches Bachhaus errichtet, das dem Verlangen der vielen Tausende von Wallfahrern nach Backwaren entsprechen sollte, aber schon 1711 in Privatbesitz überging. Die große Kellereien sind ähnlich gebaut wie jene in Groß-Tschernosek. Der Lagerkeller ist über sechs Meter hoch. Seit dem Jahre 1901 kamen die Kellereien in den Besitz der Frau Anna Schneider, welche die fast gänzlich verschütteten Räume reinigen ließ und einen Weinkeller daraus machte. Wohl an die Erinnerung an die seinerzeitige Bäckerei führt der Hügel über den Kellern noch heute den Namen "Bäckerberg".
Das Wahrzeichen von Mariaschein ist aber die Kirche mit dem ovalen Kreuzgange. Die ursprüngliche Holz- und spätere Steinkapelle, die beim (oder über den) Grabe der gefallenen Krieger des deutschen Heeres nach der Hussitenschlacht im Jahre 1426 errichtet wurde und in der das Gnadenbild der schmerzhaften Mutter Gottes aufgestellt und verehrt wurde, war von dem Besitzer der Herrschaft Graupen, Grafen Albrecht von Kolowrat, durch einen Langbau 1507 erweitert worden. Diese erste Wallfahrtskirche wurde acht Jahre später fertiggestellt. Zur Verteidigung wurde in den Jahren 1584 - 1607 eine starke Umfassungsmauer aufgeführt, in die sieben Gebetsnischen eingebaut waren. Die seelsorgliche Betreuung der Wallfahrer leiteten einige Jesuitenpatres aus Komotau, die zur Zeit der Höheren Festtage im Hause neben der Kirche (jetzt Nr. 33) ein Heim fanden. Als die im Jahre 1665 verstorbene Anna Maria von Bleileben in ihrem letzten Willen ihr Gut Sobochleben der Mariascheiner Kirche vermacht hatte, kam es in die Hände des Jesuitenordens und verblieb ihm bis zu seiner Auflösung 1773. In der Folgezeit wurde es von der Staatsgüterdirektion verwaltet, wurde aber 1806 wieder der Mariascheiner Kirche eingeantwortet und dem jeweiligen Bischof in Leitmeritz zur Verwaltung übergeben.
Die Jesuiten bauten bald nach der Übernahme der Kirche und des Gutes die Umfassungsmauer in den jetzigen Kreuzgang aus und errichteten zwischen den früheren Gebetnischen geräumige Kapellen. Die Überreste der einstigen Nischen sind an der Nordseite des Kreuzganges noch zu erkennen, der eine beim Bilde der Wenden, der andere beim Denkmal der Weltkriegsgefangenen, der dritte rechts vom Osteingang, verschlossen durch eine Glaswand, hinter welcher das älteste Denkmal vergangener Zeit in Mariaschein ausgestellt ist: der gotische "Heiland im Kerker" aus dem Jahre 1326 (?). An der Südseite sind (ehemals 31) Beichtstühle eingebaut, beachtliche Kunstwerke heimischer Meister. Sie fallen durch ihr reiches Schnitzwerk, das an jedem verschieden ist, und durch sinnreiche Stirnbilder auf.
Bemerkenswert sind die geschichtlichen Wandbilder des Kreuzganges, die in den Jahren 1925/26 von namhaften Künstlern erneuert wurden. Das Aussiger Bild, das erste beim östlichen Eingange des Kreuzganges rechts, darstellend die Prozession der Aussiger unter der Führung des Aussiger Primators Dr. Ernst Schösser von Embleben im Jahre 1610, wurde nach der Schilderung des Aussiger lateinischen Dichters Johann Augustin Tichtenbaum (1614) von Karl Jobst und hinsichtlich des Stadtbildes von F. J. Arnold entworfen und von dem Teplitzer Akad. Maler Anton Böhm ausgeführt.
Im Frühling 1813 besuchte auch Goethe diesen Wallfahrtsort und schrieb in sein Tagebuch: "Näher betrachtet, ist dieser Andachtsort mit großer Weisheit angelegt. Eine geräumige Kirche in der Mitte, darum herum ein Kranz von Linden um diesen ein architektonischer Kranz von Hallen, die, nach dem Innern zu offen, an der Rückwand Beichtstühle, Kapellen und Altäre sehen lassen. Ein bequemer, schicklicher, schattiger Raum für eine große Menschenmasse ist bedacht angelegt und man bedauert, daß solche Anstalten, die nicht mehr in der Zeit sind, nach und nach verfallen müssen". Er schreibt dann weiter: Könnte man diese Einrichtung, wie sie steht, nach Ägypten oder Arabien in irgendeine Oase versetzen, sie würde zu geistiger und körperlicher Erquickung vieler Tausender gereichen. Schwerlich ist der Tempel des Jupiter Ammon so gut eingerichtet gewesen."
Die jetzige Barockkirche wurde in den Jahren von 1701 bis 1706 erbaut. Über den Eingang an der Westseite ist eine steinerne Nachbildung des Gnadenbildes mit Engeln angebracht, ferner die Ordensheiligen der Jesuiten, Ignaz und Franz Xaver sowie die Apostel Peter und Paul, an der Nord- und Süddachseite aber die Figuren der Landesheiligen. Der Altar ist ein Werk des Prager Bildhauers Andreas Röbsel (aufgestellt 1714); die vier Rokokosäulen, mit Lindenblättern verziert, werden von der Weltkugel mit dem Kranz überdacht. Das ganze ist eine Nachbildung des Altars der Peterskirche in Rom. Oberhalb des Tabernakels befindet sich in einem durch Glas verschlossenen Schreine das Gnadenbild. Ein Meisterwerk ist auch die wuchtige Kanzel. Unterhalb dieser deckt ein Stein den Eingang zur ehemaligen Jesuitengruft. Links davon vor dem ersten Seitenaltare ist die Gruft der Familie Bleileben, in der  der einzige Sohn des Alexander Regnier und Anna Maria von Bleileben namens Max, gestorben 1648, begraben liegt. Die Hauptbilder der 6 Seitenaltäre wurden von dem Laienbruder Raab aus dem Jesuitenorden gemalt.
Der Grundstein zu dem Residenzgebäude wurde am 12. Juni 1670 gelegt. Das alte Kloster wurde für eine Schule errichtet, die als Lateinschule mit 4 Klassen 1679 eröffnet wurde. Am 22. April 1769 brannte das neue Residenzgebäude gänzlich nieder, stand aber 1773 wieder umfangreicher da als zuvor. Im gleichen Jahre wurde der Jesuitenorden aufgelassen. Damals lebten in Mariaschein 15 Priester und 6 Laienbrüder. Die Lateinschule wurde 1779 aufgehoben und dafür eine Hauptschule und Präparandie für Lehramtsanwärter errichtet. Der erste Direktor dieser Anstalt war der nachmalige Bischof von Leitmeritz, Ferdinand Kindermann, Ritter von Schulstein. Im Jahre 1786 wurde Mariaschein, das bisher zu Graupen eingepfarrt war, eine selbständige Seelsorge. 1814 errichteten die Jesuiten wieder ein Kollegium und Seminar in Mariaschein. 1853 wurde eine neue Lateinschule mit drei Klassen (später 8 Klassen) eröffnet, die als Bischöfliches Gymnasium bis zum Jahre 1939 bestand. 1880 kamen die Schwestern vom hl. Kreuz nach Mariaschein, die zunächst einen Kindergarten, dann eine dreiklassige und 1882 eine  fünfklassige Mädchenvolksschule errichteten.
Eine Glanzzeit erlebte der Wallfahrtsort Mariaschein nach der Fertigstellung der neuen Kirche. 1708 wurden hier über 70000 Kommunikanten gezählt. Die Verhältnisse haben sich in der neueren Zeit geändert. Aus dem Wallfahrtsort und Schulort ist ein Industrieort geworden. 1654 gab es im Dorf Scheine nur 15 Häuser (3 Bauern, 11 Kleinbauern, 1 Gärtner), die Kirche mit dem Wohnhaus der Jesuiten und den Althof. 1787 hatte es 74 Häuser, 1833   80 Häuser mit 571 Einwohnern, 1887  199 Häuser mit 2446 Einwohnern und derzeit 414 Häuser mit 3766 Einwohnern. Die Zunahme der Bevölkerung ist vor allem auf den Bergbau und die Industrie zurückzuführen. Die bekannte Mariascheiner Kohle wird aber außerhalb des Grundes der Katastralgemeinde Mariaschein gewonnen. Auch die Fabriken liegen wegen der eigentümlichen Gemeindegrenze zumeist nicht auf Mariascheiner   Grunde, doch geben die Firmen als Post- und Versendungsort Mariaschein an.

Josef Schütz, Kadechet, Aussig

Ortsverzeichnis
 

Wallfahrtsort Mariaschein
Ein Bericht von Dr. Dieter Seehars

 

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