Heimatfreunde Aussig
Home

---------------------------------------------------------------------------------------------------

Hygiene und Gesundheitswesen in Alt-Aussig

(geschrieben von Walter Eisenmann, Ústí nad Labem, ca 1980)

abgeschrieben von Lore Schiepeck-Schretzenmayr, Regensburg

 

Über die unerfreulichen Zustände, welche in dieser Hinsicht in der mittelalterlichen Kleinstadt herrschten, ist schon viel geschrieben worden, in den engen Gässchen, wo ein Häuschen sich an das andere andrängte, in den an die Stadtmauer angrenzenden Hinterhöfen trieb sich so manches Kleinvieh herum, so dass es an Kot wimmelte. Es gab noch keine Kanalisation und der Unrat wurde kurzerhand vor das Haus geworfen. Die Folge waren des öfteren Epedemien. Eine Ausnahme bildeten einzelne Patrizierhäuser, in deren Gärten sich die Sonne zeigte. Diese lagen hauptsächlich an der westlichen und südlichen Seite der Stadt. Die Stadtverwaltung war nicht in der Lage die Reinhaltung des Wohnraumes zu bewerkstelligen oder zu veranlassen. Sofern es zu einzelnen Aktionen kam, wurden die Unreinlichkeiten am Rand des Stadtwalls beim Töpfertor oder beim Biliner Tor auf den Haufen geworfen und sie wurden von Zeit zu Zeit ans Elbufer transportiert und ins Wasser geworfen.

 

Es ergab sich die Notwendigkeit der Einrichtung öffentlicher Bäder. Zuerst wurden diese von der Stadtverwaltung betrieben und später an Privatunternehmen verpachtet. Im Jahre 1442 gab der Bürgermeister Poschmann  seinen Anteil am Bad, die Hälfte, an Katharina Chotoboroniss  für 11 Schock ab. Im Jahre 1475 wurde das Bad an einen gewissen Nikolaus für 70 Schock Groschen unter der Bedingung vermietet, dass er und seine Nachfolger jedem Armen der Stadt ein Bad jährlich kostenlos gewährt.  Im gleichen Jahr vermachte Wenzel Zeleny dem Bad 10 Schock, damit die Stadtarmen jährlich ein Bad umsonst erhalten. Ähnliche Stiftungen ergaben sich aus den Stadtbüchern des 16. Jahrhunderts mehrfach. Damit wollte man den Ärmsten Gelegenheit zur Pflege der Hygiene geben.

 

Seit dem Jahre 1494 unterscheiden die Berichte zwei Bäder. Das “Alte Bad” stand an der Bielabrücke und das “Neue” vor dem Töpfertor. Sie bestanden offenbar bis zu den Ereignissen auf dem Weißen Berge. Irgenwelcher Infektionsmittel kamen  hierbei nicht zur Anwendung und die Ansteckungsgefahr durch Mikroven war deshalb sehr groß. Sowie eine Epidemie ausbrach, wurden die Bäder unverzüglich geschlossen.

 

In den Bädern wurden oftmals gesellschaftliche Feste gefeiert. Dies bei reichlichem Essen und Trinken und freiem Verkehr zwischen den Geschlechtern. Deshalb war der Baderberuf nicht als ehrenhaft gehalten. Bei den Zunftfesten standen sie daher an letzter Stelle. Johann von Luxemburg verbot den Badern die Wahl in den Stadtrat. Erst Vladimir II. verlieh ihnen mit den Majestätserlassen der Jahre 1474 und 1509 das “Ehrlichkeitspatent” und stellte ihren Beruf den anderen Zünften gleich. Als im Jahr 1589 der Zinngießer Veith den Aussiger Bader einen “Klinkenlecker” nannte, wurde er wegen Ehrenbeleigung verurteilt, musste sich öffentlich entschuldigen und musste als Buße zwei Bäder für Arme bezahlen.

 

Das goldene Zeitalter der Bäder war das 15. Und 16. Jahrhundert. In den späteren war ihnen weniger Glück beschieden. Die Eiferer der Gegenreformation (bei uns war dies erst nach dem Jahre 1629) zogen  gegen diese Einrichtung zu Felde. Sie behaupteten, dass die Bäder ein Nest des Lasters sind und damit erreichten sie in den meisten Fällen die Einstellung derselben. Die Ärzte gaben  hierzu gewöhnlich ihre Zustimmung, weil sie annahmen, dass die Bäder die Quelle von luetischen Ansteckungen sind. Weil aber um diese Zeit noch keine Bäder in den Wohnungen waren, hatte dies bis in den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts einen Tiefstand in der Hygiene und Sauberkeit zur Folge. Die sogenannten “höheren Kreise” betrachteten dies mit einem hohen Aufwand an Parfümen zu bemänteln. Der Mensch des 17. Jahrhunderts badete nur aus äußerster Notwendigkeit. Das Aussiger “Neubad” endete seine Existenz im Dreißigjährigen Krieg. Das “Alte” fristete sie bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, bis auch dieses demoliert wurde.

 

Die Bader waren zugleich auch Rasierer und führten chirurgiche Eingriffe durch. Sie zogen Zähne, führten den Aderlass durch, setzte Blutegel an und betätigten sich auch als Wundärzte.

 

Zu Beginn des 19.Jahrhunderts gab es in Aussig keine öffentliche Badeanstalt. Das Fehlen einer solchen machte sich besonders in der zweiten Hälfte desselben fühlbar, als sich die Einwohnerzahl durch ständige Zuwanderung erhöhte. In der Großen Wallstraße 68 hatte schließlich Anton Focke Wannenbäder errichtet. Der spätere und letzte Inhaber Tannert hatte sie vergrößert und der Eingang war dann in der Langen Gasse. Aber auch diese Anstalt  war unzureichend und seit dem Jahre 1894 befasste sich die Gemeindeverwaltung mit dem Plan zur Errichtung eines den Anforderungen gerechten Stadtbades. Man schreckte jedoch vor den damit verbundenen Auslagen zurück. Als dann die Städtische Sparkasse am 5. April 1898 für diesen Zweck 80 000 Kronen widmete, wurde im Stadtkollegium ein “Bäderausschuß” gegründet. Die Seele war der Fabrikant und Stadtrat Ferdinand Maresch. Mitglieder dieses Ausschusses besuchten und studierten Bädereinrichtungen in anderen Städten und am meisten gefielen ihnen die der Stadt Reichenberg. Diese waren vom Wiener Achitekten Peter Paul Brang geschaffen worden und dieser wurde aufgefordert ein entsprechendes Projekt für Aussig auszuarbeiten.

 

Brang überreichte seine Pläne im Juni 1905,aber es verging ein volles Jahr ehe es zur Genehmigung des Bauvorhabens kam. Noch immer war es die Beschaffung der Gelder, welche den Ratsherren Sorgen bereiteten. Die nötige Bodenfläche  “auf der Bleiche”, im Ausmaß von 3 700 m2 konnte durch Tausch mit dem Verein für chemische und metallurgische Produktion gewonnen werden. Als dann die Städtische Sparkasse, die Chemische Fabrik, die Böhmische Sparkasse in Prag weitere Spenden widmeten, entschloss sich der Stadtausschuss am 27. August 1906 zum Bau. Zum Bauleiter wurde Paul Sogl ernannt. Der Rohbau dauerte vom 8. April 1907 bis zum 31. Juli. Im September begannen die komplizierten Montagearbeiten. Am Samstag, den 30. Mai 1908 verlief die amtliche Kollaudierung und am Montag, den 15. Juni 1908 eröffnete Ferdinand Maresch das Stadtbad in feierlicher Handlung. Am folgenden Tag begann der öffentliche Betrieb.

 

Die verbaute Fläche beträgt 1 500 m2. Der Rest bis zu 3 700 m2 ist der Hofraum, der Garten und die Parkanlage vor dem Gebäude, die jedoch inzwischen aufgelassen wurde. Die Baukosten betrugen insgesamt 800 000 Kronen.

 

Im September 1908 gehörten zur Badehalle mit dem Schwimmbassin im Ausmaß vom 19,10 x 7,55 m2 und mit der Tiefe von 80 – 270 cm, ein Dampfbad, Wannenbäder, Duschanlagen, Kohlensäurebäder und eine Moorbadkabine. Der Dampf wurde von der eigenen Heizanlage erzeugt und das Wasser von der städtischen Leitung. Die große Dürre des Jahres 1911 und der damit verbundene Wassermangel zwang die Badeverwaltung zur Wasserabnahme aus dem eigenen 13 m tiefen Brunnen. Aber dieses Wasser war zufolge großer Härte wenig geeignet. Deshalb begann am 17. November 1921 die Vorbereitung zur Bohrung eines arthesischen Brunnens. Diese Arbeiten wurden am 27. September 1911 aufgenommen und endeten am 21. Feber 1912 in der Tiefe von 357 m. Das  hierbei gewonnene heiße Wasser wurde mit dem Trinkwasser vermischt. Bis ins Jahr 1921 floss der Wasserüberschuss in den Kanal. Seit dieser Zeit wird es in zwei Reservoiren im Ausmaß von 120 und 80 m3 geleitet. Um aber die Kesselanlage zu ersparen, wurde das Bad schon 1922 an das Fernheizwerk im Elektrizitätswerk der Stadt angeschlossen,womit auch die Manipulation mit der Kohle wegfällt. Seit 1928 ist das Wasser im Schwimmbassin chloriert. Die maschinelle Einrichtung wurde aus Deutschland bezogen und  kostete 100 000 Kronen.

 

In den Jahren 1929 – 1933 wurde das Stadtbad, bei ungestörtem Betrieb generell repariert und neu konstruiert. Der Aufwand betrug 800 000 Kronen. Es wurden 13 Wannen, ein neuer Ruheraum und ein Dampfbad zugebaut. Das Moorbad wurde um einen Raum erweitert, wie auch um 2 Garderoben und Ruheräume. Erneuert wurde das Röhren- und Heizungssystem und eine Glühlampenkabine eingerichtet. Vom Juli bis November 1933 wurde ein neues Objekt, Moorbäder mit 8 Kabinen und 14 Ausruhe-Kabinen eingebaut.

 

Mit der Erweiterung der Dienstleistungen wuchs die Zahl der Frequentanten. Deren Zahl betrug 1909  51 566, im Jahr 1933, dem 25. Jahr des Bestehens

168 659. Dies war das Vorkriegsmaximum, wobei eine Rolle spielte, dass Arbeitslose ab 1. Mai 1932,  gegen Vorlage eines amtlichen Nachweises die Bäder kostenlos benützen durften.

 

In den Spitälern war die Stellung des Arztes, neben den geistlichen und weltlichen Pflegern, vollkommen unbestritten. Im Mittelalter existierten bei uns, wie auch anderweitig in Europa, die herrschaftlichen “Physikus regii” für den gesamten Hof. Nach diesem Muster hatte auch die kirchliche Hierarchie ihre Ärzte; vom 14. Bis 15. Jahrhundert auch einzelne Städte; Aussig gehörte in dieser Hinsicht nicht zu den fortschrittlichen. Im Jahr 1589 ist zwar Nikolaus Dröschel bezeichnet als “physikus”, aber es handelte sich offenbar um einen Feldscheer. Erst 1607 ist einige Male Georgus Choberus als “doktor” physikus Austensis, als erster graduierter Arzt in Aussig. Er stammte aus Prag und der richtige Name war offenbar Georg Kober. Sein Nachfolger wurde Dr. Andreas Schiffler aus Mildenau in Sachsen.

 

Im Jahr 1616 kommt Dr. Christian Theodor Schösser von Embleben, der Bruder des damaligen Primators, nach Aussig. 1623 ist er als ”reuplikae Ustensis et Litomericensis physikus ordinarius” installiert. Er war eine hervorragende Persönlichkeit.
 

Im 16., 17. und sogar noch im 19. Jahrhundert waren in der Gesundheitspflege der Stadtbevölkerung überwiegend “Wundärzte”, aber auch Feldscheere und Chirurgen tätig. Diese Profession hatte sich allmählich aus Badern und Raseuren herausgebildet. Sie erlernten das Handwerk bei ihren Meistern, legten Fachprüfungen bei ihnen ab und nach Erlegung der Gebühr, konnten sie sich selbständig machen. Sie hatten entweder ihren eigenen Behandlungsraum oder arbeiteten in den Bädern und im Infektionsspital. Hier vollbrachen sie kleinere chirurgische Eingriffe ambulant, größere Operationen, wie Amputationen, Brüche und dgl., führten sie in der Wohnung des Patienten durch.

 

Zur Erklärung ihrer Funktion im damaligen Gesundheitswesen sei darauf hingewiesen, dass die Krankheiten in innere und äußere aufgeteilt waren. Erstere behandelte der Arzt und die zweiten die Wundärzte. Zu diesen, den letzteren vorbehaltenen Erkrankungen gehörten auch Verwundungen, Ausschläge aller Art und Ursachen, Rückenmarksleiden u. dgl., gleich ob sie Folgen der Pest oder anderer Leiden waren. Für die Pest war der Hauptpfleger der Wundarzt. Deshalb legt man es nicht als unmoralisch aus, wenn der Arzt zur Zeit der Pest aus der Stadt flüchtete. Dies vollführte zur Zeit der großen Epidemie 1680 auch der Aussiger Stadtarzt und Stadtrat Michael Franz Schmidt, ohne dass dies seinem Ansehen und seiner Karriere schadete. Im Gegenteil, zehn Jahre später wurde er Bürgermeister, am 28. März 1698 sogar kaiserlicher Richter. Letztere Funktion bekleidete er bis zu seinem Tod im April 1710.

 

Eine handwerkliche Schulung genoss auch der Apotheker. Weil aber die Rezepte in lateinischer Sprache geschrieben wurden, war die Absolvierung der Lateinschule Grundbedingung. In Aussig wurde die erste Apotheke 1531 in der Nähe der späteren “Löwenapotheke” errichtet. Der erste Apotheker war Georg Schmied. Im Jahr 1588 kaufte er in großes Haus am Oberen Tor. Er verstarb 1600. Der Nachfolger war Georg Etzel bis 1644; im Zusammenhang mit dem Kauf des Hauses wird dann 9 Jahre später Mathäus Brettschneider erwähnt und im Jahr 1677 Daniel Straka sowohl in der Apotheke als auch im Ehebett der Witwe Etzel.

 

Sowohl der Arzt, wie auch der Apotheker galten als städtische Patrizier. Die tatsächliche wirtschaftliche Lage des Apothekers war von dessen kaufmännischer Tüchtigkeit abhängig. In erste Linie war es die Fähigkeit den Leuten neben den Medikamenten Nebenprodukte aufzuhängen, wie z. B. orientalische Pflanzenextrakte, Süßigkeiten und insbesonders verschiedene Arten von “Heilessenzen”. Offenbar war Straka ein guter Geschäftsmann. Im Jahr 1695 wurde ihm die Entrichtung der Steuer nachgelassen, weil die Apotheke keinen Nutzen abwarf. 1700 ließ er sie deshalb auf, war aber noch Mitglied in den folgenden 11 Jahren des Stadtrates.

 

Als Hebamme durfte nur eine verheiratete Frau mit  Kindern wirken. Ledigen oder Kinderlosen war dieser Beruf untersagt. Nach dem Verfall der Antike, bis zum 16. Jahrhundert, wurde Frauen keinerlei Schulbildung zuteil und so waren die Hebammen gewöhnlich Analphabeten. Ihre einzige Vorbereitung zum Beruf war die Praxis bei einer anderen Frau des Berufes der Geburtshelferinnen. Mit der Entwicklung der Institution des Stadtarztes sollten sie  eine fachliche Führung erhalten. Aber die Ärzte widmeten sich ihrer nur wenig und bevorzugten die Behandlung vermögender Patienten. Manche Leute hatten gegen die Gynäkologie Glaubensvorbehalte. Dennoch erwarben manche Hebammen durch die Fachlektüre ansehnliche Kenntnisse. Eine solche war z.B. Susanne Kaiser in den Jahren 1671 – 1680. Sie ging an der Pest zugrunde.

 

Die Hebammen hatten keinen geschätzten Beruf und noch schlimmer war es bei den Volksheilkundigen, Wurzelverkäufern, Salbenhändlern und vagierenden Chirurgen. Gewöhnlich waren dies ungeschulte Leute, welche sich auf Gebrechen aller Arten spezialisierten. Mitunter waren sie geschickt, hatten Erfolg und bestärkten die Leute in der Abneigung gegen professionelle Ärzte und Chirurgen.   

 

Als hervorragender Arzt, Botaniker und Dichter fungierte in der Geschichte der Stadt Aussig Christian Theodor Schösser. Dennoch blieb er im Schatten seines Bruders, des Primators JUDr. Johann Ernst. Der Erstgenannte wurde 1575 in Frankfurt/Oder geboren. Sein Vater Johann Schösser war Professor der Rhetorik an der dortigen Universität, Rat und Hofdichter des Brandenburgischen Kurfürsten. Vom Kaiser wurde ihm das Wappen und der Titel “von Embleben” verliehen, den auch seine Söhne benutzten, ohne daß ihnen der Anspruch auf den Adel zutand. Sie galten weiterhin nur als Nobilitierte und wurden in den Landadel nicht aufgenommen.

 

Im Jahr 1596 inskribierte Christian an der Universität seiner Vaterstadt. Er studierte Mathematik und Rhetorik an der philosophischen Fakultät. Im Jahr 1603 studiert er in Wittenberg. Wie es schon bei seinem Vater der Fall war, erreichte er hier den Titel “Meister der freien Künste”, was dem heutigen Doktor der Philosophie gleichkam. Bald darauf wurde er zum Doktor der Medizin promoviert. Im Jahr 1609 finden wir ihn als Rektor der partikularen Schule in Bärenwald und ein Jahr später in Stendal, wo ihm Bartolomäus Bilovius zum Dichter krönt. Im gleichen Jahr wird er als Professor der Rhetorik und Poesie an das herzoglich Radziwill Kollegium nach Litauen berufen, das seinerzeit mit Polen durch eine Personalunion verbunden war. Im Jahr 1612 ernennt ihn die Universität Königsberg zum Ehrendoktor. In diesem Jahr endet jedoch seine akademische Laufbahn jäh. Während des Krieges zwischen Polen und Rußland wurde Wilna zerstört und Schössers Haus mit der reichen Bibliothek verbrannte. Der Dichter flüchtet nach Danzig. Im kommenden Jahr versucht er neuerdings in Wilna Fuß zu fassen, aber ohne Erfolg. In Danzig ernährt er sich hauptsächlich als frei praktizierender Arzt, aber er fand dort keine Ruhe. Zur Abwechslung waren es nunmehr die Schweden, welche diese Stadt bedrohten. Deshalb nahm er die Einladung seines Bruders an und wurde Stadtarzt in Aussig.

 

Nach Aussig kam Christian Theodor Schösser 1616 und verblieb hier bis zur Ermordnung seines Bruders im Jahr 1617 und bis zum Ständeaufstand 1618 – 1620, als die Stadt von den Protestanten beherrscht wurde. Wie nicht anders zu erwarten, verurteilte er den Aufstand und den Sieg auf dem Weißen Berge,  und  verherrlichte dies mit einem Gedicht, das er Kaiser Ferdinand II. widmete. Er besang auch dessen Sohn Ferdinand III. als Sieger und Erneuerer des Friedens. Er erhielt dafür vom Pabst und dem Kaiser den Titel “comes palatinus”, was allerdings ebenfalls kein Adelsprädikat war. Verliehen war ihm jedoch damit das Recht in ihrer Vertretung Dichter zu krönen. Im Jahr 1621 krönte er die Aussiger Dichter Tichtenbaum und Ursus. Zugleich erhielt er den Titel “Physikus provincialis regni Bohemiae”.

Als Arzt bediente er sich seiner botanischen Kenntnisse und fungierte hierbei als eigener Apotheker. Schon sein Bruder, der Herr Primator, zog in seinem Garten neben Blumen eine Anzahl Heilkräuter. Als dann Christian Theodor selbst Haus- und Gartenbesitzer war, tat  er desgleichen. Seine poetischen Anfänge datierten schon aus der Zeit seines Aufenthaltes in Wittenberg. Von sei erhalten geblieben. Sie sind durchwegs lyrisch und kleineren Umfangs, doch sind sie ein Zeugnis dafür, daß er als der größte Lyriker des Aussiger Humanismus zu gelten hat und er wird damit an die Seite des größten Epikers seiner Zeit – Tichtenbaum gestellt. Sein umfangreiches Werk “Laurifotium liber I. – VI.” (Buch der Lorbeerblätter) kam 1640 heraus. Es enthält eine Anzahl von autobiographischen Angaben und über seine Zeitgenossen, ferner Beschreibungen des berühmten Gartens seines Bruders. Er führte einen ausgedehnten Briefwechsel mit deutschen Humanisten, sowie mit prominenten katholischen Persönlichkeiten Nordböhmens. Er versuchte auch mit der in Prag ansässigen englischen Schriftstellerin Elisabeth Vestoni, 1582 – 1612, in Kontakt zu kommen, widmete ihr zwei Gedichte, fand aber keinen Anklang.

 

In den Lauriforien Schössers finden wir des öfteren traurige Andeutungen über den zeitgenössischen Verfall der Bildung und der Kunst. Dies mit Berechtigung, denn er war derjenige, welcher die Aussiger Humanisten überlebte und er schrieb damit den Epilog seiner Aera. Was nach ihm kam, die Mariengedichtchen, welche die Kippelt und Windisch schrieben, verträgt keinen Vergleich mit dem Humanisten Schösser. Der Dichter hat sich jedoch niemals vergegenwärtigt, daß die Katastrophe des Weißen Berges, die er 1620 feierte, der Beginn dieses Verfalls war.

 

Es ist sozusagen symbolisch, daß sein Andenken schon in der zweiten Generataion verblich und daß wir heute nicht wissen, wann er starb. Er hinterließ zwei Töchter, die aber in keiner Weise Bedeutung erhielten.

 

Anton S t o l z, Arzt, Mineraloge, Freund Goethes. Er wurde am 11. Juni 1778 in Prag geboren. Sein Vater, Johann Stolz übersiedelte kurz nach der Geburt des Sohnes nach Joachimsthal. Dort starb er 1821. Der junge Anton studierte am Gymnasium in Eger und auf der Prager Universität. Zuvor absolvierte er als Vorbereitung vier Semester an der philosophischen Fakultät und ging dann zur Medizin über. Er erwarb dort die volle Bildung, welche die Fakultät seinerzeit gewährte. Im Jahr 1803 erreichte er den Grad des Magisters der Chirurgie und des Geburtswesens und am 29. August promovierte er als Doktor der Medizin.

 

Ein Jahr darauf kommt er als Stadtarzt nach Aussig. Sein Vorgänger, Dr. Burkhardt hatte hier keinen Erfolg und mußte 1803, nach kaum viermonatiger Tätigkeit abtreten. Auch der neue Arzt wurde mit Mißtrauen empfangen. Aber dieses zerstreute sich bald, denn Dr. Stolz war ein guter Arzt. Einige Epidemien hielt er in Grenzen, welche in den Jahren 1805 – 1807 und 1809 die Stadtbevölkerung plagten. Der Aussiger Magistrat sprach ihm hierfür die schriftliche Anerkennung aus.

 

Neben der Medizin befaßte sich Dr. Stolz intensiv mit der Mineralogie. Im Jahr 1812 wurde er externes Mitglied der Wissenschaftlichen Gesellschaft in Jena. Dieser gehörte auch der Dichter Johann Wolfgang von Goethe an, der ebenfalls ein leidenschaftlicher Mineraloge war. Und dieser Umstand bewirkte das Bekanntwerden beider Männer, zu dem es am 13. Juli 1813 kam. Goethe, der am 26. April in Teplitz weilte, machte an diesem Tag einen Ausflug nach Aussig. Zum ersten Mal war dies vor einem Jahr gewesen, als er von Karlsbad nach Teplitz kam. Die Aussiger Umgebung, besonders die Promenade durch das Elbetal gefiel ihm sehr. Diesmal kam er aber mit der Absicht, mit Dr. Stolz Fühlung zu nehmen und sie verbrachten fast den ganzen Tag mit eifrigen Debatten. Am 2. August 1813 kam er zum dritten Mal nach Aussig und mit ihm sein Weimarer Fürst Karl August mit anderen Höflingen. Bei Stolz wurde das Mittagessen eingenommen und als bei der nachmittäglichen Ausfahrt einer der Höflinger vom Unwohlsein befallen wurde, bewährte sich Dr. Stolz als Arzt.

 

Der Weimarer Hof verließ Teplitz am 10. August 1813, kaum 20 Tage vor der Schlacht bei Kulm, bei welcher Dr. Stolz erneut seine Fähigkeiten bewies. Er pflegte Tausende von Verwundeten und verhütete in Aussig die Epidemie des Typhus und der Ruhr. Hierbei war ihm lediglich der städtisiche Chirurg und Geburtshelfer Stefan Sänger, 1771 – 1835, und einige Freiwillige aus den Reihen der Bürgerschaft behilflich. Für diese Verdienste wurde ihm mit Hofdekret vom 14. Feber 1814 die  Kleine Goldmedaille verliehen, welche ihm der Leitmeritzer Kreishauptmann Goldhammer am 13. April auf dem Aussiger Rathaus überreichte. Zwei Monate nachher forderte das Leitmeritzer Landes-Gubernium in Prag auf die Stelle eines Badearztes in Teplitz seine Dienste, weil dort die gerade herrschende Typhusepidemie die Anzahl der Ärzte dezimiert hatte. Auch in Teplitz hatte Dr. Stolz Erfolge. Aber er betätigte sich auch weiterhin intensiv als Minerologe und Geologe. In Graupen entdeckte er ein neues Mineral, das nach ihm benannt wurde – Stolzit. 1815 besuchte er Goethe in Weimar. In Jena hielt er Vorträge vor der Wissenschaftlichen Gesellschaft und wurde dort zu ihrem Rat ernannt. Bei seinem weiteren Besuch in Weimar 1823 ernannte ihn der Herzog Karl August, mit Zustimmung der Wiener Regierung, zum Offizier des Ordens des Silberfalkens. Die Mineralogische Gesellschaaft in Dresden und die Ärztlich-Chirurgische Gesellschaft in Berlin verliehen ihm die Mitgliedschaft.

 

In dieser Zeit machte Stolz die Bekanntschaft Alexander von Humboldts, einer bekannten Persönlichkeit auf dem Gebiet der Naturwissenschaften. Dieser stellte ihn seinem Mäzen, dem Preußischen König Friedrich Wilhelm III. vor, der in den Jahren 1812 – 1840 fast alljährlich nach Teplitz zu kommen pflegte. Stolz gefiel dem König außerordentlich und er bat ihn des öfteren um seinen Rat. Im Mai 1827 übergab er ihm mit eigenhändig geschriebenen Dekret die Große Goldmedaille.Dies beunruhigte den österreichischen Polizeiminister Sedlnicky, der sich die Ehrung durch den zwar befreundeten, jedoch immerhin fremden Herrscher nicht anders erklären konnte, als daß Stolz ein preußischer Agent sei. Von dieser Zeit an widmete sich seiner die Geheimpolizei recht unangenehm. Von seiner Berufung auf die Universität, welche vorher in Erwägung gezogen war, wurde nichts. Im Jahr 1830 wurde er Korrespondierendes Mitglied der Vaterländischen-wirtschaftlichen Gesellschaft in Prag, was jedoch nur ein schwacher Trost war.

 

Zu seinem 50. Gedenktag des Doktorates auf der Prager Universität, im August 1854, erneuerte diese feierlich das Diplom. Ein Jahr später, am 17. August 1855 verschied Stolz in Teplitz. Seine großen Mineraliensammlungen vermachte er der Stadt Teplitz. Keine andere Stadt und nicht einmal das Aussiger Museum wollten sie haben. Deshalb wurde sie in die weite Welt verkauft und zur großen Überraschung nach Japan. Der größte Teil seiner schriftlichen Verlassenschaft verblieb jedoch zum Glück im Land. Mit Verwunderung liest man Stolzes Schriftwechsel mit den größten Naturwissenschaftlern seiner Zeit. Neben Goethe und Humboldt ist hier J.J. Berzelius, M.H. Klaproth, H. Lenz, F. Neumann, J.S. Presl, K. Sternberg, F.X. Zippe u.a. zu finden. Hierbei dominieren an die 3 000 Seiten wissenschaftlicher Abhandlungen. Es ist merkwürdig, daß Stolz hiervon nichts veröffentlicht hat. Wahrscheinlich aus Bescheidenheit, oder wegen der Ungunst der Verhältnisse. Im Jahr 1826 beschwerte er sich, daß 1813 bei ihm zwangsweise einquartierte Millitärs unter Führung des Generals Markow, zum Druck vorbereitete Schriften gewaltsam entwendet hatten. Obwohl er aus Publikationen nicht bekannt ist, war Stolz einer der markantesten Persönlichkeiten unseres Kreises.

 

Alexander M a r i a n, Arzt, Statistiker und Archivarius. Dieser Mann war schon zu seinen Lebzeiten in unserer Stadt eine gefeierte Persönlichkeit. Nur ein Teil seiner Prädikate: Vorsitzender des Aussiger Ärztevereins, Mitglied mehrerer Fachkommissionen, Ritter des Franz-Josef-Ordens, Ehrenbürger der Stadt, Sanitätsrat, eine Straße trug seinen Namen usw. Ihn kannte jeder, der sich mit der Geschichte der Stadt Aussig befaßte. Aber nur wenige kennen Details seiner Lebensgeschichte und seiner Werke. Gewiß ist, daß er ein ausgezeichneter Arzt und Statistiker war; ein solider Demograph, ein guter Historiker, voraussehender Ökologe, eifriger Tourist, Propagator der Körpererziehung.

 

Geboren wurde Marian am 16. März 1852 in Hainspach bei Schluckenau. Sein Vater übersiedelte 1855 mit der Familie nach Aussig, wo Marian die Heimat fand. Hier begann  er zuerst in der Volksschule, dann studierte er am Leitmeritzer Gymnasium und vom Jahr 1869 Medizin in Prag. Am 19. Dezember 1874 promovierte er. Er praktizierte am allgemeinen Krankenhaus in Prag und 3 Jahre in Stuttgart. Im Oktober 1878 kam er nach Aussig zurück. Hier wirkte er als praktischer Arztierbei dominieren  und zugleich als Facharzt für Ohren-, Nasen- und Hals- Krankheiten.

 

Schon von Anfang an war er die Seele des städtischen Gesundheitsrates, beratendes Organ des Bürgermeisters in Gesundheitsfragen und der öffentlichen Hygiene. Er imponierte auch älteren Kollegen mit seiner statistischen Schilderung der Krankheitserscheinungen. Mit dem Jahr 1884 gab er neben den Jahresberichten des Gesundheitsbeirates mit der Herausgabe eines statistischen Handbuches über die demographischen Verhältnisse ein genaues Bild der Entwicklung. Er wurde Korrespondierendes Mitglied der österreichischen Kommission für Stadtstatistik, und publizierte seine Angaben in Prager und Wiener Fachzeitschriften.

 

Die aufmerksame Bewertung des Gesundheitszustandes der Bevölkerung führte ihn mitunter zu überraschenden Erkenntnissen. Am 26. September 1888 erklärte er vor dem Städtischen Gesundheitsrat, daß “Verstänkerung der Luft” in der Stadt ständig fortschreite und daß innerhalb 40 – 50 Jahren volle 100 % der Aussigere Populaltion an Erkrankung der oberen Atmungsorgane leiden wird. Diese Erkrankungen hören bereits jetzt schon auf als eine besondere Erscheinung betrachtet zu werden. Er erschrak selbst über diese Feststellung und er hat leider Recht  behalten.

 

Zum Archivwesen und zur Geschichtsschreibung fand er den Wege über die Touristik. Er ließ auch nicht eine einzige Gelegenheit zu Ausflügen in die Umgebung aus, war jedoch keinesfalls ein Kilometerfresser. Unterwegs interssierte er sich immer lebhaft für kulturelle und  historische Gedenkstätten. Und weil er sehr gründlich war, begnügte er sich nicht mit den Erklärungen der Reiseleiter, sondern vertiefte sich in die Momente. Der Zufall war ihm hold. Seit 1890 war der Prager Wenzel Hieke externer Archivar in Aussig. Er war seinerzeit Marians Mitschüler am Gymnasium. Bei seinen Besuchen in Aussig genoß er die Gastfreundschaft Marians, der die Techniken im Archivwesen und in den historischen Arbeiten beobachtete und ein gelehriger Schüler war. Als Hieke plötzlich verschied, gab es für diesen keinen geeigneteren Nachfolger als Marian. Dieser war dann außerberuflich Archivar bis zu seinem Ende. Durch zwanzig Jahre forschte er im Stadtarchiv und schuf eine Reihe von Werken. Ab 1898 war er Vicevorsitzender der Aussiger Museumsgesellschaft und Leiter der historischen Abteilung des Museums. Ab 1902 war Marian Korrespondent der östereichischen Zentralkommission für Kulturhistorische Denkwürdigkeiten.

 

In den Jahre 1885 – 1899 und dann noch 1905 – 1907 war er Mitglied der Stadtvertretung und dann auch der des Bezirkes. In den Jahren 1895 – 1899 war er Stadtrat.

 

Dr. Alexander Marian starb am 29. Dezember 1919 an Darmkrebs. Seine literarische Hinterlassenschaft ist sehr reichhaltig. Mit seiner Gattin hatte er alljährlich Reisen unternommen, so z.B. in die Alpen, in die westböhmischen Bäder, nach Deutschland, in die Schweiz und nach Italien. Besonders gern erinnerte er sich an die Italienreise 1896, die er mit Tagebuch-Aufzeichnungen festhielt.