Heimatfreunde Aussig
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Aus der Geschichte der königlichen Freistadt Aussig

Die Entstehung des Kreiskrankenhauses

(geschrieben von Walter Eisenmann, Ústí nad Labem, ca. 1980

abgeschrieben von Lore Schiepeck-Schretzenmayr, Regensburg 2009)

 

In dem aus dem Fischerdorf Usk super Albes entstandenen Landstädtchen lebten die Einwohner in aus Holz und Lehm erbauten Häusern, in engen und niedrigen Stuben. Ihre Nahrung war recht bedürftig und ihr Leben von öfteren feindlichen Angriffen, Plünderungen, Hungersnot und epidemischen Krankheiten bedroht.

 

Noch um die Mitte des abgelaufenen Jahrhunderts (19. Jh.) waren die Verhältnisse im Gesundheitswesen durchaus unzureichend. Als dann mit dem Eisenbahnbau, zufolge der Entwicklung der Elbeschiffahrt und dem Aufbau der Industrie fremde Arbeitskräfte zuzogen, vermehrte sich das Auftreten infektiöser Krankheiten, denn es fehlten geeignete Unterkunftsmöglichkeiten.

 

In einem Erlass der k. k.. Bezirkshauptmannschaft vom 4. Mai 1853 heißt es u. a.: “Es ist eine traurige Erfahrung, dass die Reinlichkeitspolizei in der Stadt Aussig aus dem ewigen Todesschlaf nicht erwecken will. Die Gassen sind, keine ausgenommen, Depositorien von Kot, Kehrricht und Jauche. Sie gleiche mehr und weniger schmutzigen Kloaken und in Nah und Fern spricht jeder, der die Straßen der Stadt einmal betreten hat, dass es wohl keine Stadt gleichen Ranges gibt, welche Aussig in diesen Kalamitäten übertrifft.”

 

Es folgt die neuerliche Aufforderung zur Abschaffung dieser Missstände, wobei auch der Grundsaatz erwähnt wird: “Jeder kehr´ vor seiner Tür!”

 

In den Jahren 1848 und 1849 waren Eisenbahnarbeiter von Abdominatyphus und Flecktyphus befallen. Im Jahr 1849, 1850 und 1855 waren es Cholera und Blattern, die zahlreiche Todesfälle verursachten. Sebst 1860 – 1890 hatten sich die Verhältnisse nicht gebessert. Hierzu trug bei, dass die früher hauptsächlich Ackerbau betreibende Bevölkerung sich auf die Arbeit in der Industrie umgestellt hatte. Notgedrungen wurden im Zug dieser Entwicklung vielfach Hausgärten und Hofräume aufgelassen. Zudem hatte die Verseuchung des alten Stadtbodens die Verschlechterung und zum Teil Unbrauchbarkeit des Wassers der Hausbrunnen hervorgerufen. Die Kindersterblichkeit war zufolge unzweckmäßiger Ernährung und mangelhafter Pflege außerordentlich hoch.

  

1866 und 1873 wütete die Cholera wieder in den Mauern der Stadt und die Blattern 1873 und 1884 , während Abdominaltyphus weiterhin zahlreiche Menschen hinwegraffte. Die Mortalitätsziffer betrug durchschnittlich 34 – 36 pro Mille und lag weit über dem Landesdurchschnitt. Denn mit der Krankenpflege war es seit jeher in der Stadt schlecht bestellt.

  

Das erste Hospital und zugleich Armenhaus stand auf dem Materniplatz, vor dem Teplitzer Tor und war mit einem Friedhof mit Kapelle Skt. Materni umgeben. Es dürfte um das Jahr 1275 entstanden sein, zur Zeit, als der Stadtwall entstand. Die Jahreszahl der Gründung ist nicht genau festzustellen. Denn auch die Urkunde betreffend die Erhebung der Stadt - 1272 - ist bei einer Feuersbrunst verloren gegangen

Wahrscheinlich wurde das Hospital von einer fremden Brüderschaft verwaltet. König Johann von Luxemburg übergab dieses Spital 1327 dem Orden der Kreuzherren mit dem roten Stern.

 

Als die Hussiten, nach der Schlacht auf der Bihana, am 17.6.1426, unter Jakoubek von Vcesovice, die Stadt niederbrannten, ging auch das Spital Skt. Materni in  Flammen auf. Wiederaufgebaut, ging es 1484 in den Besitz der Stadt über. Die Leitung hatten zwei Spitalväter aus der Bürgerschaft übernommen. Es befanden sich dort mehrere Kranke und alte Leute, die von den Stiften und Legaten erhalten wurden. Zum Spital gehörte auch das Haus Nr. 420, wo sich ebenfalls Stadtarme befanden.

 

Der in Aussig geborene Domprobst von Skt. Veith in Prag, Franz R a s c h von Aschenfeld hatte dem Spital ein zweites Haus gestiftet, das direkt neben der Stadtkirche gelegen war und den Namen  Bethaus  führte. Er hatte an sein Legat die Bedingung geknüpft, dass die Stadtarmen für sein Seelenheil zu beten haben. Da jedoch in der Kapelle Skt. Materni nur selten Gottesdienst abgehalten wurde und auch der Weg für die alten Leute zu beschwerlich war, wurde das erwähnte Bethaus als Zweigstelle des Spitals eingerichtet. Es erhielt die Bezeichnung SPITAL INTRA MOENIA / Spital innerhalb der Mauern /, während Ski. Materni SPITAL EXTRA MOENIA / Spital außerhalb der Mauern /, genannt wurde.

 

Als der Raum im Bethaus nicht mehr ausreichte, wurde die nebenan liegende Schule, Gebäude Nr. 113, die schon seit 1853 als solche nicht mehr benutzt worden war, hinzugenommen. Alle diese Häuser sind heute nicht mehr vorhanden.

 

Mit der fortschreitenden Entwicklung der Stadt ergab sich die Norwendigkeit der Errichtung eines Krankenhauses. Der Materniplatz war, nachdem die Stadtwälle geschleift wurden, im Verlauf des 19. Jahrhunderts zur Stadtmitte geworden. Das Spitalgebäude und die Kapelle verfielen immer mehr und mehr.

 

Besonders zur Zeit des Bahnbaues, 1846 – 1848, waren viele Menschen in die Stadt gezogen und es machte sich die Notwendigkeit besonders stark bemerkbar das geplante Krankenaus zu bauen. Der Eisenbahn-Bauunternehmer Franz K l e i n  aus Prag, hatte in der Großen Wallstraße für seine Arbeiter notgedrungen zwei Häuser als Krankenhaus eingerichtet. Nach Beendigung des Bahnbaues wirdmete er, aus Dankbarkeit für das ihm erwiesene Entgegenkommen der Stadtverwaltung 500 Gulden zur Gründung eines eigenen Krankenhauses.

 

Von diesem Geld wurde ein Feld “Am Bleichplatz”, dem heutigen Spitalplatz gekauft. Es reichte noch zum Teil für die Anschaffung von Ziegeln und dann begann der Bau des neuen Spitals bis der Stadt das Geld ausging. Daraufhin haben Einwohner der Stadt durch Selbsthilfe in Form von Sammmlungen, Ertrag aus Dilettanten-Theateraufführngen und mittels einer Lotterie soviel Mittel aufgebracht, dass der Bau und die Einrichtung zustande kam.

 

Am 16. Juni 1854 war der Grundstein gelegt worden und im Jahr 1856 wurden die ersten 39 Kranken untergebacht. Im Erdgeschoss und im ersten Stock waren die Wirtschaftsräume, sowie 5 kleine und 4 große Krankenzimmer mit 55 Betten vorhanden. Ab 1899 diente dieses Gebäude sodann als Verwaltungshaus des Städtischen Elektrizitätswerkes, das nach dem zweiten Weltkrieg aufgelassen ist. Am 22.5.1858 erklärte die Statthalterei Prag die Anstalt als öffentlich und das Staatsministerium Wien erkannte sie mit Erlass vom 2.11.1860 als öffentliches allgemeines Krankenhaus.

 

Die Lage der Stadt an den Hauptverkehrswegen und in der Nähe der Kohlengruben wirkte sich auf die Weiterentwicklung sehr günstig aus. Der Ausbau der Industrieanlagen und die Errichtung neuer Fabriken zogen viele Menschen heran, die hier Arbeit fanden und Existenzen gründeten.

 

Die Bevölkerungszahl wuchs ständig und so ernie sich bald die Notwendigkeit der Errichtung eines größeren Krankenhauses.

 

Die Pläne hierzu wurden 1887 ausgearbeitet, aber die Stadtverwaltung verfügte nicht über die nötigen Geldmittel zur Ausführung. Schließlich wurden staatliche Subventionen genehmigt und in der Billroth-Straße wurde der nach damaligen Begriff geeignete Bauplatz angekauft. Um diese Zeit war es der Stadtrand, aber die Stadtväter hatten nicht geahnt, in welchem Tempo sich die nahegelegenen Chemiewerke ausdehnen werden. Jetzt liegen sie direkt davor und bei ungünstigem Wind sind die Abgase stark fühlbar.

 

Am 7.10.1894 wurde das neue Krankenhaus in Betrieb genommen. Die Anlage umfasste vorerst 9 Pavillons und zwar:

 

1.      Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude

2.      Interne Krankheiten

3.      Chirurgie

4.      Haut- und Geschlechtskrankheiten

5.      Infektionskrankheiten

6.      Psychiatrie

7.      Kinderpavillon

8.      Schupfen-, Stall- und Desinfektionsgebäude

9.      Leichenhaus

 

Aber es machte sich bald Platzmangel bemerkbar und so wurden nach und nach mehrfach Zubauten vorgenommen.

 

Der Belegraum betrug 1912 - 175 Betten, ohne Reserve. Die Zahl der verpflegten Personen 1894 – 888, 1906 – 1915, 1910 – 2646 und 1917 – 3416. Mit der Schaffung der Krankenkassen erfuhr die Pflege der Volksgesundheit eine wesentliche Förderung.

 

Das Krankenhaus hat im Verlauf der Zeit wesentlich zur Verbesserung der Gesundheitsverhältnisse beigetragen. Die Statistik der Zahl der Krankheitsfälle weist eine steigende Tendenz aus, weil die ärztliche Betreuung der Bevölkerung umfassender wurde; Krankheiten wurden früher erkannt und rechtzeitig behandelt.  Die segensreiche Auswirkung der verbesserten Gesundheitspflege geht auch aus folgenden Aufzeichnungen hervor:

 

In den Jahren 1883 bis 1887 entfielen jeweilig auf 10 000 Einwohner 40 Sterbefälle an Tuberkulose. Mit der Errichtung der von den Familien Weinmann und Petschek gespendeten Lungenheilanstalt am Spiegelsberg (1921) fiel die Ziffer 10 – 20. An Infektionskrankheiten starben im Durchschnitt der Jahre 1883 – 1890 rund 40 Einwohner auf 10 000. Im Jahr 1904 waren es 9 und nach 1918 5. Andere Krankheitein, z.B. Krebs, zeigen aber eine steigende Entwicklung.

 

Mit dem 1.1.1921 übernahm die Bezirksverwaltungskommission das Allgemeine öffentliche Krankenhaus von der Stadtgemeinde unentgeltlich. Damit wurde die Frage der Platzbeschaffung äußerst dringend, denn der Aufgabenbereich wuchs.

 

Am 24. April 1925 beschließen die Bezirksverwaltungskommissionen Aussig und Karbitz einen Erweiterungsbau des Krankenhauses. Die Pavillons werden aufgelassen, bis auf einen einzigen, der heute noch, aufgestockt und modernisiert, in der Mitte des Gesamtkomplexes, als Psychiatrie dient.

 

Im Jahre 1930 wurden neuerbaute Teilkomplexe in Betrieb genommen und zwar Hauptgebäude der Interne, Küchengebäude und Wäscherei. 1934 war es der Chirurgische Operationstrakt und 1937 das Chirurgische Hauptgebäude. Später folgten: Die Prosektur, das Haus der Psychaterie, das der Infektionen und schließlich die Kreispolyklinik. Aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg geht der Aufbau des Gesamtkomplexes weiter. So wurde u. a. auf dem Spiegelsberg das mächtige Gebäude für die Infektionsabteilung errichtet.

 

Am 19. Juni 1936 wurde der Anstalt  der Titel “Masaryk-Krankenhaus” verliehen. Im Jahre 1939 wude es Kreiskrankenhaus und diente während des Krieges als Reservespital. Die zunehmende Bedeutung geht auch aus folgenden Ziffern hervor. Die Zahl der gewährten Verpflegstage betrug:

 

            1907               51 887                       1920               58 319

            1908               56 320                       1921               74 988

            1909               60 980                       1922               78 782

            1910               53 207                       1923               82 632

            1911               55 411                       1924               94 919

            1912               56 171                       1925            101 457           

            1913               54 972                       1926           110 479

            1914               55 023                       1927            107 039       

            1915               86 118                       1928            104 725 

            1916               93 912                       1929            197 022

            1917               98 018                       1930            162 704

            1918               83 682                       1931            186 340

            1919               67 047                       1932            195 764

 

Auf den Kopf jedes Einwohners der Stadt Aussig entfielen Verpflegstage:

 

            1910   1,35;  1921   1,88   und   1930   34,71 

 

Die Zahl der Krankenhausbetten war:

 

            1921               245                             1926               369

            1924               313                             1930               554

            1925               355                             1931               625

 

Vergleichsweise sei angeführt, dass sich heute im Gesamtkomplex der Kreisanstalt für Volksgesundheit mehr als 2000 Betten befinden, wobei die 800 Betten der detachierten Nervenheilanstalt in Oberberschkowitz (Horni Berkovice) bei Raudnitz an der Elbe, welche in den Verwaltungsbereich gehören,  nicht eingerechnet sind.

 

Es muss in Betracht gezogen werden, dass die wachsende Industrialisierung immer neue gesundheitliche Nachteile mit sich bringt. Die regsame Tätigkeit in der Verbesserung der Wohnungsverhältnisse lässt auf Abhilfe hoffen. Die ist besonders der Abriss alter unhygienischer Häuser, die z.B. in der Töpfergasse und die Errichtung hochgelegener Siedlungen in Pockau, am Lerchenfeld (Nordterasse) in Schreckenstein und am Spiegelsberg.

 

In den Gesamtkomplex der Kreisanstalt für Volksgesundheit gehören im Bereich Aussig außer dem Krankenhaus in der Resselstraße:

 

Das Krankenhaus für TBC und Respirationskrankheiten in Pockau mit  dem zweiten Trakt als Heilanstalt.

            Die Heilanstalt für die gleichen Krankheiten in Reindlitz (Ryjice).

            Die Abteilung für TBC und Respirationskrankheien, sowie Roentgen-Institut in der Herbenova ulice.

            Die Abteilung für Radiontherapie / Onkologie in Pockau.                       

            Der Infektionspavillon in Pockau.

            Die prothetische Abteilung in der Londoner Straße.

            Die Abteilung für Kieferorthopädie und Stomathologie in Pockau.

            Die Hautabteilung in der Gottwaldstraße in Kleische.

 

Den ambulanten Gesundheitsdienst versehen:

           

Bezirkspolyklinik in der Fucikstraße 29 mit Nebenstellen in den größeren  Wohnblocks sowie auf dem Lande.

Der Ärztliche Bereitschaftsdienst befindet sich noch in der Roosevelt-Straße.

            Die Eisenbahnverwaltung hat ihr eigenes Krankenhaus und Polyklinik in der Fucikstraße.

  

Im allgemeinen Krankenhaus wurden insgesamt Verpflegstage gewährt:

 

            1973   381014;     1974  386112    und    1975   416268.

 

Auch diese  Ziffern geben ein  Bild von der  Fürsorge um  die  Volksgesundheit.

Die Anstalt steht mit ihren ca 135 Ärzten und dem gutgeschulten und dem vorbildlich geleiteten Pflegepersonal auf hoher wissenschaftlicher Stufe. Es sei noch darauf hingewiesen, dass die fachwissenschaftlichen Arbeiten der Ärzte laufend in in- und ausländischen Zeitschriften veröffentlicht werden.