Heimatfreunde Aussig

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Unsere Aussiger Elektrische

  Ein Bericht von  Herbert Lorenz  Estenfeld / Würzburg

            Viele unvergessene Erlebnisse aus der Jugendzeit besonders in den 20er und 30er Jahren werden wieder wach, wenn  wir an das wichtigste  bürgerfreundliche Aussiger Verkehrsmittel unsere alte Elektrische denken. Sie war für uns alle Bürger nicht wegzudenken um uns innerhalb der Stadt und in die Vororte befördern zu lassen. Es war  für den Wagenführer nicht immer leicht stehend ohne seitlichen Windschutz  besonders bei den älteren Fahrzeugen seinen verantwortungsvollen Dienst zu tun. Bei jedem Halt, besonders bei leichtem Gefälle oder Steigung musste die rechts liegende Kurbelhandbremse angezogen werden, da die Elektromagnetbremse, welche mit der linken Hand bedient wurde nicht im Stand hielt. Habe den Dienst eines Wagenführers immer  sehr bewundert und hoch eingeschätzt. Auch der Kontukteur, oder Schaffner genannt, welcher mit seiner dicken Ledertasche über den Schultern durch den Wagen ging und Fahrkarten verkaufte und zwickte und für Ordnung und Disziplin während der Fahrt sorgte, hatte keine leichte Aufgabe. An jeder Haltestelle musste der Schaffner zum Halten, oder wegfahren die Klingel durch Ziehen des Lederriemens an der Decke betätigen. .Das Wort Schwarzfahren hat man  damals kaum gekannt.       

Der Höhepunkt war wohl besonders für die sportlichen Aussiger und Naturfreunde eine Fahrt in nördlicher Richtung nach Tellnitz. mit der Einser.  Vor dem  Aussiger Hauptbahnhof  und an der Hauptpost begann besonders im Winter und zu den Wochenenden das rege Treiben um einen Platz in den alten Elektrische. Damals verkehrten noch Zugwägen  und Anhänger mit offenen Plattformen.. Hier wurden massenweise die Skier angestellt, dass kaum noch Platz war ins Innere der Wägen zu kommen. So manches Schimpfwort des Wagenführers und Schaffners oder auch Schaffnerin über das Durcheinander der Holzbretter und Stöcke auf der vorderen und auch hinteren Plattform habe ich noch in meinem Ohr.  Der Wagenführer welcher in einem dicken Filzmantel gehüllt war und dicke Filzstiefel und Fausthandschuhe anhatte, musste wahrhaft viel Kälte bei seiner Dreiviertel Stunde dauernden Fahrt im Stehen, über Pockau, Schöbritz, Auschine, Arbesau nach Tellnitz aushalten. Oft fuhren. 2 Garnituren hintereinander voll beladen mit Wintersportlern  hinauf in die Höhe, ins schöne Tellnitztal. Von  der Endschleife der Einser Linie unterhalb des Bahnhofs der Dux-Bodenbacher Eisenbahnlinie stapften Sie alle oft bei starken Schneegestöber hinauf Richtung Adolfsgrün  oder auch in Richtung Schönwald. Hier in Tellnitz   konnte sich auch der durchgefrorene Wagenführer bis zur fahrplanmäßigen Rückfahrt im Warteraum aufwärmen.

Ich bin einige Mal mit meinem 5 Jahre älteren Bruder, die Skier auf den Schultern und Haselnussstecken an der Hand, fast eineinhalb Stunden von Tellnitz bis nach Adolfsgrün gelaufen. Hier haben wir die damals noch primitiven Holzbretter mit Lederriemen angeschnallt und sind durch die herrliche Winterlandschaft über  Schönwald , Nollendorf,  durch tiefen Schnee, vorbei an der Kirche und der Kaiserwarte (Carl Weiss Warte) am Nollendorfer Pass,  hinunter über Knienitz, entlang der Knienzer Ränder nach  Königswald gefahren. Hier wurden wir bereits von unseren Großeltern im schönen Holzgrund im warmen Stüberl erwartet. Oft standen von Großmutter frisch gebackene kleine runde Kleckselkuchen, belegt mit Quark, Powidel, Mohn, Rosinen und Streußel für uns hungrige Mäuler bereit. Öfter fuhren wir auch vom Tellnitzer Bahnhof mit dem Dampfzug  durch hohen Schnee und hohen Windwehen mit dem Dampfzug nach Kleinkahn oder Königswald.

            Auch eine Fahrt in westlicher Richtung mit der Linie 3 und der 7 durch die Teplitzer Strasse, vorbei am ATE Bahnhof und dem größten Gebäude der Stadt, dem Verwaltungsgebäude der Chemischen über Prödlitz nach Türmitz, oder mit der Linie 7 ebenfalls über Prödlitz nach Karbitz, war  für uns, ob Winter oder Sommer immer ein Erlebnis. .Beide Orte hatten viele Möglichkeiten, rumzubummeln und auch in guten Gasthäusern einzukehren. Erinnere mich an so manches Fest in Türmitz, mit den vielen Buden. Besonders den Mohnmuschelmarkt am Ostermontag und Dienstag haben wir kein Jahr versäumt. Was war doch damals in Türmitz um die Kirche und den Schlossgarten und angrenzenden Strassen für ein Leben. So etwas wird wohl uns allen unvergesslich bleiben.

            Abwechselnd fuhren die Linie 4 und 5 von Pockau am Stadtpark vorbei, die Dresdner Strasse zur Hauptpost und weiter hinunter zum Aussiger Hauptbahnhof.  Von hier ging es weiter vorbei an der Dulce durch die Fünf Bogen in östlicher Richtung an der Elbe entlang, nach Schönpriesen und mit der 5er bis Nestomitz.  Ab beiden Orten gab es soviel  Ausflugsmöglichkeiten entlang der Elbe oder hinauf in die bergige Landschaft.

In südwestlicher Richtung elbaufwärts, vorbei an der Zuckerfabrik, der Staustufe, am gegenüber liegenden Ufer das Wahrzeichen von Aussig, die Burgruine Schreckenstein  nach Wannov darf unsere 6er Elektrische nicht vergessen werden. Wie oft sind wir im Frühjahr zur Baumblüte, oder im Sommer und Herbst zur Beeren und Obsternte zur Endstation nach Wannov gefahren  Nach Salesl und weiter in das so fruchtbare Elbetal flussaufwärts war es nicht mehr allzu weit.  Hier konnte man an vielen Häusern und den Feldern im Frühsommer die ersten wunderbaren saftigen Erdbeeren und später Mirabellen, Pfirsiche und anderes Obst genießen und kaufen.  Wenn es die Zeit erlaubte, war ein Aufstieg zum Dubitzer  Kirchl mit der herrlichen Aussicht  oft eingeplant. Für die Rückfahrt nach Aussig haben wir meistens einen der vielen unvergessenen Dampfer der Böhmisch/Sächsischen Elbeschifffahrt  AG. benutzt. In Aussig an den beiden Anlegestellen  am Dampfschiffhotel  war immer Hochbetrieb.

 

Die Linie 8 welche von der Hauptpost über die Dresdner Strasse, vorbei am Stadtpark danach links hinauf über die steile Beethovenstraße zum Stern nach Kleische und im weiten Bogen entlang der Laubenhäuser, oberhalb der Chemischen zum Spitalplatz in der Innenstadt zurückfuhr sollte auch erwähnt werden.

Nach dem Bau der neuen Elbebrücke 1936 wurde die besonders notwendige Linie 11 nach Schreckenstein gebaut.  Es war nun eine große Erleichterung für viele Aussiger  und in der Umgebung wohnender Arbeiter, welche in der Firma Schicht beschäftigt waren.. Auch das neu errichtete moderne Schicht Hallenbad, welches besonders wir Jugendlichen sehr oft benutzten, konnte nun mit der Linie 11 bequem erreicht werden.  Auch Obersedlitz  die herrlichen dahinter liegenden Berge, oder die Burgruine Schreckenstein, das Warmbad an der Elbe in Sebusein war von der Endstation Schreckenstein gut erreichbar. In dieser Zeit wurden auch einige neue modernere Triebwägen angeschafft, welche besonders von Schreckenstein nach Kleische und von dem Hauptbahnhof und der Hauptpost nach Karbitz, Türmitz und Schönpriesen -Pockau eingesetzt wurden.

Diese unvergessenen 20er und besonders 30er Jahre mit unserer Aussiger Elektrischen werden wir Alle, welche zufrieden und glücklich bis zur Vertreibung in Aussig lebten wohl nie vergessen und ewig in Erinnerung behalten.

                                                          

                                                                                                                     Herbert Lorenz  Estenfeld / Würzburg